 unser Städtchen gen Leipzig jagte; wie ein
jeder nur noch Heil von der Gnade des Gottgesandten erwartete - von diesen
Eindrücken des Grauens und Ekels lasst mich schweigen. Sie haben die Erinnerung
durchwühlt, jahrelang nachdem das persönliche Herzeleid sich in Frieden gelöst
hatte.
    Zur Stunde freilich dämpften die persönlichen Nöte den Anteil an dem
allgemeinen Geschick. Jenes feindliche Gefolge, das so häufig einem großen
Schmerze nachhinkt und nach kleiner Tyrannen Art sich so hämisch an dem
verachtenden Stolze rächt: die Sorge um das gemeine Dasein, die Unruhe um das
tägliche Brot, schlummerlose Nächte an einem Siechenbett, Scham über die
erlahmende Kraft, demütigendes Hoffen auf fremde Hilfe, Zweifel, und wie sie
ferner noch heißen mögen, die marksaugenden, kleinen - großen Erdenherren -, sie
stiegen an meinem Horizonte auf. Flüchtig allerdings, nicht zu einem
erschöpfenden Ringkampfe der Kräfte, vielleicht nur darum, dass ich sie kennen
lerne, von Angesicht zu Angesicht kennen und anderer Notwehr würdigen lerne,
sobald ich eines Tages stärker als viele gegen sie gerüstet sein würde. Ich
lernte sie kennen; aber die Lehre habe ich bis nahe an das Greisenalter nicht
beherzigt.
    Das hilflose Hinsiechen meiner armen Mutter konnte sich jahrelang fristen:
Unsere kleinen Ersparnisse reichten aber kaum auf Monate aus. Der bescheidene
Gnadengehalt der Witwe, wenn er in diesen Zeiten überhaupt gewährt werden
konnte, würde unsere mässigsten Bedürfnisse nicht gedeckt, Arbeit von meiner
ungeübten Hand schwerlich einen Abnehmer gefunden haben. Die Kranke hätte, nach
des Arztes Ausspruch, ohne Gefahr nach Reckenburg übersiedelt werden dürfen;
aber nicht einmal einer Antwort würdigte uns die Gräfin auf meine Anzeige des
erlittenen Verlustes, auf des Propstes wiederholte Darstellung unserer Lage. Mit
Recht hob dieser fürsorgliche Freund hervor, dass auch alle Aussichten für die
Zukunft mir entschlüpfen würden, wenn ein anderer den von mir verlassenen
Verwaltungsposten einnehmen und sich geschickt auf demselben behaupten sollte,
und wieviel bedeutender, wieviel mächtiger lockend, als ich mir bis dahin
eingestanden hatte, stellten diese Aussichten sich jetzt mir dar. Alles in
allem: ich sah keine Flucht aus meiner Bedrängnis, und das Pförtchen, das sich
mir endlich erschloss, das Pförtchen, welches heute, von dem Immergrün der Treue
bekränzt, leuchtender vor der Erinnerung steht, als das Portal zu dem Goldturme
der Reckenburg: damals war es eng und drückend für den stolz gewöhnten Sinn.
    Das Asyl, welches die reiche Verwandtin in ihrem leerstehenden Palaste
verweigerte, die arme Dienerin eröffnete es in ihrer dürftigen Hütte. Muhme
Justine erbot sich, ihre einstige Herrin aufzunehmen und zu verpflegen, während
die Tochter in das Amt zurücktrat, das ihrer Gegenwart so dringend bedurfte. Die
treue Seele drängte flehentlich zu schleunigem Aufbruch, sie schilderte ihren
kleinen Notpfennig als eine unerschöpfliche Hilfsquelle.
    Und ich zögerte nicht,
