 der Tat verdient,
als merkwürdiges Beispiel aufgeführt zu werden, wie eine superiore Natur das
rohe, blutige Treiben der Gegenwart als Bildungsstoff für einen eng begrenzten,
friedfertigen Beruf mit Geschick und Glück zu verwerten vermag.
    Denken Sie sich, mein Herr, einen blutjungen sächsischen Barbier, lediglich
als Autodidakt in einer mühsam aufgesuchten Praxis geschult, der in Preußens
kriegerischen Rüstungen einen günstigen Spielraum für sein Streben ahnt und
durch die glücklichsten Begegnungen findet. Die heillosen Feldzüge von 92 und 93
geben Gelegenheit, sein Talent und seinen Eifer in ein helles Licht zu setzen.
Er, der keiner Fakultät immatrikuliert gewesen ist, kein Examen absolviert hat,
geht aus den verpesteten Lazaretten jener Tage als Regimentsarzt hervor;
hochgestellte Herren verdanken ihm Hilfe und Heilung, man eröffnet ihm
weittragende Aussichten auch in friedlichen Zeiten. Während des Angriffs auf das
Lager von Neuhornbach, wo er im Gefolge des verwegen vordringenden Königs sich
allzu weit vorgewagt und über dem Verbande eines feindlichen Schwerverwundeten
aufgehalten hat, gerät er in französische Hand. Er wird nach Paris gebracht,
sein guter Stern will, dass es eine einem Konventsmitgliede verwandte
einflussreiche Persönlichkeit ist, die ihm das Leben verdankt; sie erwirkt ihm
die Freiheit, sich in Instituten und Spitälern umzutun. Die große, wildbewegte
Hauptstadt, die zahlreichen Opfer der Schlachtfelder, ja nicht zum geringsten
die der Henkerbühne werden eine Vorlage für den energischen Trieb. Selber
inmitten dieser tumultuarischen Welt fällt hin und wieder ein beachtender Blick
auf den rastlos forschenden Fremden.
    Der Friede von Basel führte die ausgewechselten Gefangenen in ihr Vaterland
zurück. Auch unser Doktor hatte die Freiheit, zu gehen. Aber er blieb. Was
wollen Sie, sagte er mir, der Arzt, als solcher, unterscheidet nicht Heimische
und Fremde, nicht Freund und Feind. Er unterscheidet nur Gesunde und Kranke,
Gebrechliche und Heile als Material und sucht, solange er lernt, das günstigste
Terrain für seine Kunst und Pflicht. Freiwillig begleitete er die italienische
Armee nach Italien; der junge deutsche Doktor tritt in den Horizont des Helden
von Lodi und Arcole. Ein Jahr lang verweilt er, geteilt zwischen Leistung und
Studium, in dem dem Arzte hochwichtigen Bologna, beobachtet an Kranken und
Verwundeten den steigernden oder mildernden Einfluss eines südlichen Himmels, und
kehrt, nachdem der Friede von Kampo Formio den Kontinent zur Not beruhigt hat,
nach allen Seiten bereichert, aus dem republikanisierten Italien nach Paris
zurück.
    Hier wurden ihm glänzende Anerbietungen gemacht, der rätselhaften
Meeresfahrt seine Dienste zu leihen, in welcher wir gegenwärtig den verwegenen
Korsen mit der gegen England bestimmten Armee befangen sehen. Aber, so sagte
jetzt unser Mann, ich war kein Abenteurer. Ich hatte mir in der Fremde
angeeignet, was meiner Heimat dienen konnte und, ich fürchte, nur allzubald, in
schwerer
