 so halsbrechende
Kunststücke ausgeführt und aus deren Schalllöchern ich so oft sehnsüchtig über
Land und Meer in die Ferne geblickt hatte; unter den vielen gleichgültig
neugierigen Gesichtern war doch eins oder das andere, das ich an diesem Tage
ungern gemisst hätte; und dann war der Tag - ein Tag im hohen Sommer -
wunderschön, der Himmel blau, mit großen, weißen Wolken, die Luft durchsichtig
klar - die alte Stadt sah ordentlich jung aus in dem prächtigen Sonnenschein und
die fadenscheinigen Uniformen von Luz und Bolljahn, den unsträflichen Männern,
welche die vor der Kirche versammelte Strassenjugend meisterlich im Zaume
hielten, wie neu - und in dem Hafen, wo alle Schiffe geflaggt hatten, spielten
die bunten Wimpel so lustig in dem frischen Ostwind; auf der breiten
Wasserfläche tanzten die kleinen Wellen so munter; von jenseits schimmerten die
niedrigen, weißen Kreideufer der Insel so hell herüber und auf der Insel lag
Zehrendorf, wohin wir aufbrachen, als die scheidende Sonne die weißen Wolken mit
rosigen Streifen säumte.
    Nein, nein! der Tag war schön, und sein Andenken soll mir geheiligt sein,
alle Zeit!
 
                          Vierundzwanzigstes Kapitel.
Vielleicht lässt sich das Ideal eines jungen Paares, möglichst einsam zu leben,
wenn der Aufenthalt auf einer wüsten Insel aus irgend welchen Gründen nicht wohl
ausführbar ist, nirgends besser realisiren, als in einer sehr großen,
volkreichen Stadt. Es kommt nur darauf an, dass man im Besitz des Geheimnisses
ist, sich auch hier ein Eiland zu schaffen, an dessen Gestade die bewegten
Fluten des gesellschaftlichen Lebens vorüberrauschen. Die Ergründung dieser
Kunst wird nun allerdings für den Adepten wesentlich erleichtert, wenn die große
Welt, wie es nur zu häufig der Fall ist, keinerlei Veranlassung findet, sich um
ihn zu bekümmern; im entgegengesetzten, allerdings viel schwierigeren Falle
besteht das Geheimnis darin, sich seinerseits nicht um die Welt zu bekümmern.
    Ich hatte nach der ersten Seite hin eine ziemlich reiche Erfahrung. Die Welt
hatte sich in der Tat verzweifelt wenig für den jungen Maschinenschlosser
interessiert, als er in dem ruinenhaften Häuschen auf dem ruinenhaften Hofe seine
arbeitreiche, köstliche Lehrzeit durchmachte. Er hatte ganz der Lessing'schen
Windmühle geglichen, die einfach das Korn mahlte, das ihr aufgeschüttet wurde,
die zu Niemand kam und zu der Niemand kam. Jetzt stand die Sache freilich
anders.
    Jener Hof war keine Trümmerstelle mehr. Die Ruinen waren abgetragen oder zu
stattlichen Gebäuden ausgebaut; die Mauer, welche den alten Hof von dem neuen
getrennt hatte, war niedergerissen, und die alte Fabrik mit der neuen zu einer
einzigen, großen, mächtigen Werkstatt der Betriebsamkeit und des Fleißes
vereinigt. Das war eine große Veränderung die in den betreffenden Kreisen von
den Einen freudig begrüßt, von den Andern hämisch bekrittelt wurde, aber doch
