 es, wenn man, wie Du, eine bedeutende
Entwickelung durchmacht, so dass die Gesetze, welche Du eben für uns Männer
aufgestellt hast, auch für Dich ihre Anwendung finden. Ich habe Dich mit
fünfzehn Jahren gekannt, da warst Du eine Anfängerin in Deiner Kunst; jetzt mit
dreiundzwanzig bist Du eine Künstlerin, und mit fünfundzwanzig wirst Du eine
berühmte Künstlerin sein. Da ist freilich begreiflich, dass die Paula von heute
nicht die romantischen Illusionen von damals hat, ach, und an die Paula der
Zukunft wage ich gar nicht zu denken.«
    »Du scherzest, und scherzest grausam,« sagte Paula, »und Dein gutes Gesicht
hat gar nicht den Ausdruck, den ich in diesem Augenblicke brauche.«
    »Ich scherze gar nicht,« antwortete ich eigensinnig; »ich begreife
vollkommen, dass Deine Ansprüche an das Leben sich mit jedem Jahre, mit jedem
Bilde, möcht' ich sagen, steigern müssen.«
    »Ist das wirklich Dein Ernst?« fragte Paula.
    »Mein vollkommener; wolltest Du denn keine große Künstlerin werden?«
    »Gewiss,« erwiderte Paula, »aber kann das eine Frau? wie viele von den
hunderten und tausenden begeisterter Mädchen und Frauen, die es zur Staffelei
oder an den Schreibtisch trieb, sind denn große Künstlerinnen geworden? Auf der
Bühne vielleicht; aber dann ist es mir schon manchmal fraglich gewesen, ob die
Schauspielkunst eine wahre, echte Kunst sei und nicht vielmehr eine Halbkunst,
in der auch Halbtalente das Höchste erreichen können. Und was man so geniale
Schauspieler nennt, was sind sie im Vergleich zu den wahren Genies in der Kunst,
in der Literatur, in der Musik? So weit von jenen verschieden, wie ich von
Raphael. Was habe ich denn bis jetzt zu Wege gebracht? Ein paar mittelgute
Köpfe, ein paar drastische Szenen, die ich direkt aus dem Leben geschöpft;
Reminiscenzen aus der Lektüre: Richard Löwenherz, der Klosterbruder - wo ist da
eine freie Erfindung, wo ist da eine Spur des echtem Genies? Und was ist dies
Bild hier? Was habe ich daran getan? Nicht viel mehr, als die Farben gemischt;
das Andere ist Alles von Deiner Erfindung. Du hast mir gesagt, wie die Sonne auf
dem Dünensande liegt, und wie der Wind die Köpfe der Haideblumen schaukelt; Du
-«
    »Aber Paula, Paula, das ist ja gerade, als ob ich Deine Bilder malte, und
als ob Du kein Bild malen könntest ohne mich.«
    »Und ich habe ja kaum eines ohne Dich gemalt; da siehst Du meine bettelhafte
Armut;« erwiderte Paula.
    Aber ich konnte nicht sehen, mit welchem Ausdruck sie diese Worte sagte,
denn sie hatte ihr
