 Mittelalters; noch ist nicht abzusehen, wann diese Sündflut von
Blut und Tränen verlaufen sein wird. Wie weit auch der Blick einzelner
erleuchteter Köpfe hinein in die kommenden Jahrhunderte trägt - der Fortschritt
der Menschheit ist unendlich langsam. Wohin wir in unserer Zeit sehen - überall
die unschönen Reste einer Vergangenheit, die wir längst überwunden glauben.
Unser Herrschertum, unsere Adels-Institutionen, unsere religiösen Verhältnisse,
unsere Beamtenwirtschaft, unsere Heereseinrichtungen, unsere Arbeiterzustände -
überall das kaum versteckte, grundbarbarische Verhältnis zwischen Herrn und
Sklaven, zwischen der dominirenden und der unterdrückten Kaste; überall die
bange Wahl, ob wir Hammer sein wollen oder Amboss. Was man uns lehrt, was wir
erfahren, was wir um uns her sehen, - Alles scheint zu beweisen, dass es kein
Drittes gibt. Und doch ist eine tiefere Verkennung des wahren Verhältnisses
nicht denkbar, und doch gibt es nicht nur ein Drittes, sondern es gibt dieses
Dritte einzig und allein, oder vielmehr dieses scheinbar Dritte ist das wirklich
Einzige, das Urverhältniss sowohl in der Natur als im Menschendasein, das ja auch
nur ein Stück Natur ist. Nicht Hammer oder Amboss - Hammer und Amboss muss es
heißen, denn jedwedes Ding und jeder Mensch in jedem Augenblicke ist Beides zu
gleicher Zeit. Mit derselben Kraft, mit welcher der Hammer den Amboss schlägt,
schlägt der Amboss wieder den Hammer; unter demselben Winkel, unter welchem der
Ball die Wand trifft, schleudert die Wand den Ball zurück; genau so viel Stoff,
als die Pflanze aus den Elementen zieht, muss sie den Elementen wiedergeben - und
so in ewigem Gleichmaass durch alle Natur in allen Zeiten und Räumen. Wenn aber
die Natur unbewusst dieses große Gesetz der Wechselwirkung befolgt und eben
dadurch ein Kosmos und kein Chaos ist, so soll der Mensch, dessen Dasein unter
genau demselben Gesetze steht, sich dieses Gesetz zum Bewusstsein bringen, mit
Bewusstsein ihm nachzuleben streben, und sein Wert steigt und fällt in demselben
Maße, als dieses Bewusstsein in ihm klar ist, als er mit klarem Bewusstsein in
diesem Gesetze lebt. Denn obgleich das Gesetz dasselbe bleibt, ob der Mensch nun
darum weiß oder nicht, so ist es doch für den Menschen nicht dasselbe. Wo er
darum weiß, wo er die Unzerreissbarkeit, die Solidarität der menschlichen
Interessen, die Unabwendbarkeit von Wirkung und Gegenwirkung erkannt hat, da
blühen Freiheit, Billigkeit, Gerechtigkeit, welches Alles nur andere Ausdrücke
für jenes auf die menschlichen Verhältnisse angewandte Natur-Gesetz sind; wo er
nicht darum weiß, wo er in seiner Blindheit wähnt, ungestraft seinen Mitmenschen
ausnützen zu können, da wuchern Sklaverei und Tyrannei, Aberglaube und
Pfäfferei, Hass und Verachtung in giftiger Fülle. Welcher natürliche Mensch
möchte nicht lieber Hammer als Amboss sein, so
