 ein fühlend Herz und ein sehend Auge und
dann das Dritte, ohne welches man auch mit fühlendem Herzen und sehendem Auge
nicht viel erfährt, nämlich - Erfahrung, ich meine volle, reiche Gelegenheit,
Herz und Auge zu erproben und zu üben.
    Wer hätte diese Gelegenheit mehr aus erster Hand als der Vorsteher einer
Anstalt, in welcher, nach den Worten des Philosophen, das Unrecht zu seinem
Recht kommen soll? der Director einer Strafanstalt? er und der Arzt der Anstalt,
wenn sie Freunde sind, wenn sie, von denselben Gesichtspunkten ausgehend, Hand
in Hand nach demselben Ziele streben? Sie und nur sie allein erfahren, was kein
noch so gewissenhafter Richter erfährt, wie der Mensch, den die Menschheit für
immer oder eine zeitlang ausgestoßen, wurde, was er geworden ist; warum er, von
solchen Eltern geboren, in solchen Verhältnissen aufgewachsen, in einer solchen
kritischen Lage so und nicht anders handeln konnte. Dann aber, wenn der
Director, der notwendig der Beichtiger des Verbrechers wird, die Geschichte
seines Lebens bis in die Einzelheiten erfahren, wenn der Arzt die
Leberkrankheit, an der der Mensch seit Jahren litt, constatirt hat, dann
sprechen Beide, wenn sie conferiren, nicht mehr von dem Rechte des Unrechtes,
das hier geübt werden soll, dann sprechen sie nur noch davon, ob dem Aermsten
noch zu helfen ist und wie ihm geholfen werden kann; dann sehen sie Beide in der
sogenannten Strafanstalt abwechselnd nur noch eine Besserungsanstalt und ein
Krankenhaus. Sind doch - und dies ist ein unendlich wichtiger Punkt, zu dessen
Erkenntnis die Physiologie die Jurisprudenz noch einmal zwingen wird - sind doch
fast Alle, die hierher kommen, krank im gewöhnlichen Sinne; fast Alle leiden sie
an mehr oder weniger schweren organischen Fehlern, fast das Gehirn Aller ist
unter dem Durchschnittsmaass des Gehirns, welches ein normaler Mensch zu einer
normalen Tätigkeit, zu einem Leben, das ihn nicht mit dem Gesetze in Konflict
bringen soll, braucht.
    Und wie könnte es anders sein? Fast ohne Ausnahme sind sie die Kinder der
Not, des Elends, der moralischen und physischen Verkommenheit, die Parias der
Gesellschaft, welche in ihrem brutalen Egoismus an dem Unreinen mit
zusammengerafften Kleidern und gerümpften Nasen vorüberstreift, und, sobald er
sich ihr in den Weg stellt, mit grausamer Gewalt ihn von sich stößt! Recht des
Unrechts! Hochmut des Pharisäertums! Es wird die Zeit kommen, wo man diese
Erfindung der Philosophen mit jener der Theologen, dass der Tod der Sünde Sold
sei, auf eine Stufe stellt und Gott dankt, dass man endlich aus der Nacht der
Unwissenheit aufgewacht ist, die solche Monstrositäten erzeugte!
    Der Tag wird kommen, aber nicht so bald. Noch stecken wir tief in dem
Schlamm des
