 des Lebens. Sie überwindet die Selbstsucht und alle anderen
Suchten, deren Jammergestalten die, welche sie ihres Segens unwert hält und
strafen will, als ihr Bild verehren, zu spät erst den Abweg erkennend, auf
welchen ihr Götzendienst sie geführt hat.
    Eine ganz unglückliche, ganz hoffnungslose Liebe gibt es eigentlich gar
nicht; denn die Liebe findet Hoffnung und Glück immer und überall wieder in sich
selbst. Der Liebende, der im Kampfe mit entgegenstrebenden Verhältnissen erläge,
gliche nur erst dem gefangenen Weisen, welcher doch noch besser daran ist als
sein roher Überwinder, der noch immer den Lichtstrahl der Wahrheit fürchtet,
welchen er nicht einzusperren vermag.
    Die Neigung hat einen strengen Wertmesser bei sich, für den es fast jeden
Tag etwas zu tun gibt; hat aber einmal die Liebe gesprochen und ihren Schatz in
ein Herz ausgeleert, dann wird alles aufgewogen, was auch die ärgsten
Plaggeister der Menschen in die andere Waagschale werfen mögen, und die Macht
der Verhältnisse ist wenigstens innerlich überwunden. Die Liebe nährt sich nicht
mehr bloß von dem Werte ihres Gegenstandes, sondern durch sich selbst glaubt
sie, hofft sie und ist glücklich.
    Auch das ärmlich gekleidete Dorfkind, der einfachsten Erziehung entwachsen,
kann so leicht und wohl noch leichter etwas von diesem Segen der Liebe empfinden
als die fleissigste Romanleserin, wenn es darüber auch nicht so gut wie diese
jeden Augenblick ein langes und breites zu machen weiß. Eine schöne Strecke des
Lebensweges legt man gern in der Erinnerung wieder zurück, wenn man auch für
einzelne Stellen leichter eine Farbe, ein Bild als eine sprach gerechte
Bezeichnung findet. Der Gewinn für sich selbst kann gewiss in beiden Fällen der
gleiche sein. Dorotee sann Tage, Wochen über das, was Jos und was sie mit ihm
seit einem Jahr erlebt hatte. So entstand ihr ein Zug nach dem anderen, bis das
Bild eines Mannes, den sie zitternd bewundern musste, lebendig vor ihrer Seele
stand. Vieles freilich war in seinem Wesen, was ihr Sorge machte, aber auch das
webte nur wieder den Teuern tiefer in ihre Gedanken und Träume, selbst in ihre
Gebete hinein. Er musste so sein, wie er war, sonst wär' er nicht mehr er
gewesen; und so wie er war, war er ihr auch recht, obwohl sie sich's niemals
gestand. So, beständig nun auf ihn blickend, für ihn sorgend und betend, übersah
sie stets die Kluft, welche sie wohl für immer von ihm trennte. Wenn sie aber
einmal daran dachte, so sagte sie sich, dass diese Welt eben kein Himmel sei und
jeder Mensch seinen Teil zu tragen habe. Hierüber waren ihr erst in der
Gaststube der Kronenwirtin die Augen aufgegangen. Da erst erfuhr sie recht, was
alles
