 kräftig umschlossen, als seien sie glühendes Eisen.
    Jetzt ließ er ihre Hand rasch fallen. Milde und Mitleid verschwanden aus
seinen Zügen, er stieß mit der Spitze seines Stockes ärgerlich nach einigen
schuldlosen Grashalmen, die zwischen dem Gefüge des Pflasters sprossten -
Felicitas atmete auf, so sollte er sein, rau, hart; sein mitleidsvoller Ton war
ihr entsetzlich.
    »Immer derselbe Vorwurf,« sagte er endlich kalt. »Ihr übermässiger Stolz mag
freilich oft genug verwundet worden sein; war es doch gerade unsere Aufgabe, Sie
auf möglichst gemässigte Ansprüche zurückzuführen ... Ich kann getrost Ihren Hass
auf mich nehmen, denn ich habe nur Ihr Bestes gewollt; und meine Mutter? ...
nun, ihre Liebe mag schwer zu gewinnen sein, das will ich nicht bestreiten, aber
sie ist unbestechlich gerecht, und schon ihre Gottesfurcht wird nicht zugelassen
haben, dass Ihnen wirkliches Leid und Unrecht geschehe ... Sie sind im Begriff,
hinauszutreten in die Welt und sich auf eigene Füße zu stellen, dazu bedarf es
in Ihrer Lage vor allem der Fügsamkeit ... Wie soll Ihnen der Verkehr mit den
Menschen überhaupt möglich werden bei Ihren falschen Ansichten, die Sie so
eigensinnig festhalten? Wie wollen Sie je auch nur ein Herz gewinnen mit diesen
trotzigen Augen?«
    Sie hob die Wimpern und sah ihn ruhig und fest an.
    »Wenn man mir beweist, dass meine Ansichten der Moral und der reinen Vernunft
gegenüber nicht Stich halten, dann will ich sie gern fallen lassen,« entgegnete
sie mit ihrer tiefen, ausdrucksvollen Stimme. »Aber ich weiß, ich stehe nicht
allein mit der Überzeugung, dass keinem Menschen, und sei er, wer er wolle, das
Recht zukommt, andere zu geistigem Tode zu verurteilen; ich weiß, dass tausend
andere mit mir fühlen, wie ungerecht und strafbar es ist, einer Menschenseele
die Berechtigung des Aufwärtsstrebens abzusprechen, weil sie in einem niedrig
geborenen Leibe wohnt ... Ich gehe getrost hinaus unter die Menschen, denn ich
habe Vertrauen zu ihnen und hoffe zuversichtlich, diejenigen zu finden, denen
ich ganz gewiss nicht trotzig gegenüberstehen will ... Ein unglückliches
Menschenkind wie ich, das unter gemütlosen Seelen leben muss, hat keine andere
Waffe, als seinen Stolz, keine andere Stütze, als das Bewusstsein, dass es auch
Gottes Kind, Geist von seinem Geiste ist. Ich weiß, dass für ihn alle die Stufen
und Schranken in der menschlichen Gesellschaft nicht bestehen - sie sind
Menschenerfindung, und je kleiner und erbärmlicher die Seele, um so fester hält
sie an ihnen.«
    Sie wandte sich langsam um und verschwand hinter der Tür, die nach der
Gesindestube führte, und er stand draußen und starrte ihr nach, dann
