 ich dir sagen - mein Verkehr als Arzt
mit dem sogenannten schönen Geschlechte ist auch durchaus nicht geeignet, meine
Meinung zu erhöhen ... Welch ein Gemisch von Gedankenlosigkeit und
Charakterschwäche!«
    »Du langweilst dich in weiblicher Gesellschaft, sehr begreiflich!« eiferte
der junge Frank, unter dem Eckfenster stehen bleibend. »Suchst du doch
geflissentlich die geistig einfache, um nicht zu sagen, einfältige ... Du
verabscheust die moderne weibliche Erziehung - in mancher Hinsicht freilich
nicht ohne Grund - ich bin auch kein Freund von geistlosem Klaviergeklimper und
gedankenloser, französischer Plapperei, aber man muss das Kind nicht mit dem Bade
verschütten ... In unserer Zeit, wo der menschliche Geist fast täglich neue,
ungeahnte Bahnen betritt, wo er mitwirkt, schafft und genießt bei dem mächtigen
Aufschwunge, den das Menschengeschlecht nimmt, da wollt ihr das Weib womöglich
hinter die mittelalterliche Kunkel, in den Kreis und zugleich in den engen
Ideengang ihrer Mägde zwingen - das ist nicht allein ungerecht, es ist auch
töricht. Das Weib hat die Seele eurer Söhne in den Händen, in einem Stadium, wo
sie am empfänglichsten ist, wo sie die Eindrücke wie Wachs aufnimmt und gerade
so unverwischbar durchs ganze Leben trägt, als wären sie in Eisen gegraben! ...
Regt die Frauen an zu ernstem Denken, erweitert den Kreis, den ihr Egoisten eng
genug um ihre Seelen zieht und welchen ihr weibliche Bestimmung nennt, und ihr
werdet sehen, dass Eitelkeit und Charakterschwäche verschwinden!«
    »Lieber Freund, den Weg betrete ich ganz sicher nicht!« sagte der Professor
sarkastisch, indem er langsam einige Schritte weiter ging.
    »Ich weiß wohl, dass du eine andere Überzeugung hast - du meinst, das alles
erreiche man müheloser durch eine fromme Frau ... Mein sehr verehrter Professor,
auch ich möchte keine unfromme Lebensgefährtin - ein weibliches Gemüt ohne
Frömmigkeit ist eine Blume ohne Duft. Aber seht euch wohl vor! Ihr denkt, sie
ist fromm, mithin besorgt und wohl aufgehoben, und während ihr sie vollkommen
und sorglos gewähren lasset, erwächst euch eine Tyrannei in eurem Hause, wie ihr
sie von einer weniger frommen Frau nun und nimmer ertragen würdet. Unter dem
Deckmantel der Frömmigkeit schießen leicht alle im weiblichen Charakter
schlummernden schlimmen Neigungen auf. Man darf grausam, rachsüchtig und auch
ganz gehörig hochmütig sein und im blinden Zelotismus Schönes und Herrliches
verdammen und zerstören - alles im Namen des Herrn und im sogenannten Interesse
des Reiches Gottes.«
    »Du gehst sehr weit.«
    »Gar nicht ... Du wirst schon noch einsehen lernen, dass auch der erwägende
Verstand gehörig geklärt und ausgebildet und das Gemüt der Humanität zugänglich
gemacht sein muss, wenn die Frömmigkeit der Frau wahrhaft beglückend für uns
