 nicht wie Lesen und Schreiben lernen könne - ein Etwas, das, so
ungefähr wie die Lehre Jesu, direkt vom Himmel gekommen sein müsse - und diese
kindische Vorstellung will ich behalten ... Dass das, was mich zu Tränen rühren
und mehr begeistern kann, als viele andere Herrlichkeiten der Welt, auf steifen,
pedantischen Gesetzen beruhen und auf dem Papiere in einer Anzahl dicker,
hässlicher Notenköpfe stehen soll, die ängstlich nachgezählt werden müssen - der
Gedanke schon raubt mir allen Genuss; er berührt mich so abstoßend wie die
Tatsache, dass das Knochengerüst eines schöngebildeten Menschengesichts ein
Totenkopf ist - ich tue deshalb grundsätzlich keinen Blick in die leidige
Maschinerie.«
    »Da haben wir ja gleich wieder den Grundton in Ihrer Natur, der sich gegen
alles auflehnt, was Gesetz und Regel heißt,« sagte er sarkastisch, obwohl er mit
sichtbarem Interesse ihrer eigentümlichen Definition der Musik gefolgt war.
»Also mein Schluss war falsch und Ihre sehr auffallende Beklommenheit vorhin
überflüssig,« fügte er nach einer Pause scharf hinzu. »Es muss das ein
merkwürdiges Geheimnis sein! ... Ich hätte fast Lust, schließlich doch noch
kraft meines Amtes als Vormund auf eine Darlegung Ihres Lebensplanes zu
dringen.«
    »Das würde umsonst sein,« erwiderte sie ruhig und entschieden. »Ich werde
nicht sprechen ... Sie haben es mir selbst freigestellt, nach Verlauf von zwei
Monaten zu handeln, wie ich wolle.«
    »Ja, ja, der Fehler ist leider gemacht,« versetzte er gereizt. »Aber ich
finde es denn doch - gelinde gesagt - verwegen, in Ihrem noch sehr jugendlichen
Alter Lebensfragen ganz nach eigenem Belieben, ohne jedweden Rat und Beistand
eines Verständigen, entscheiden zu wollen ... Ich setze den Fall, es handle sich
um den wichtigsten Schritt im Leben des Weibes - um ein Gebundensein für immer
-«
    »In einem solchen Falle wäre mein Vormund der letzte, den ich um Rat bitten
würde!« unterbrach ihn Felicitas flammendrot im Gesicht. »Ich wäre bereits
gebunden, und zwar an einen verhassten, charakterlosen Menschen, besäße ich nicht
eben die Verwegenheit, in meinen Lebensfragen selbst entscheiden zu wollen ...
Sie hätten getrost Ja und Amen zu jenem sogenannten ehrenvollen Antrage Wellners
gesagt, wenn ich schwach genug gewesen wäre, mich durch vorhergehende schlechte
Behandlung und Drohungen einschüchtern zu lassen!«
    Dieser Vorwurf traf wie ein zweischneidiges Schwert, denn er war gerecht.
Der Professor biss sich auf die Lippen - sein Blick irrte einen Moment unsicher
über die Steinplatten zu seinen Füßen.
    »Ich habe freilich gemeint, die mir von meinem Vater gewordene Aufgabe so am
besten zum Abschlusse zu bringen,« sagte er nach einer peinlichen Pause - seine
Stimme hatte bei
