 rund heraus erklärt: Ahnen, Ahnen muss sie haben und ihren Stammbaum
womöglich vom Männlein und Fräulein in der Arche Noah herleiten können.«
    Alle lachten, nur Elisabet blieb ernst. Fräulein von Waldes Benehmen hatte
einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. Sie war empört und fühlte ihre Ansichten
vom menschlichen Charakter gedemütigt ... War eine solche Wandlung in wenig
Stunden wohl möglich? ... Für andere mit weniger idealer Anschauung wäre der
unbegreifliche Zauber, den die Baronin Lessen auf Helene von Walde ausübte,
sofort aufgeklärt worden durch den Ausspruch der Damen, dass das junge Mädchen
den Sohn der Baronin liebe - für Elisabet jedoch nicht. Jenes erhabene Gefühl,
das die Dichter aller Zeiten und Zonen begeistert als das Lieblichste und
Herrlichste auf Erden feierten, konnte doch unmöglich zur Triebfeder unedler
Handlungen werden; ebensowenig konnte sie aber auch begreifen, wie Herr von
Hollfeld ein solches Gefühl einzuflößen vermochte. Hier betrat sie den
einseitigen Standpunkt, auf welchem wir nach unserer Individualität die Neigung
anderer bemessen; aber war es der Instinkt der edlen weiblichen Natur oder in
der Tat jener seltene scharfe Blick, für den die Linien der Physiognomie mit
den Fäden der Seele so eng verwebt sind, dass er sie verfolgen kann bis zu ihrem
Ursprunge - genug, hier war ihr Urteil über einen Menschen, mit dem sie doch
eigentlich noch fast gar nicht verkehrt hatte, vollkommen gerechtfertigt.
    Herr von Hollfeld war durchaus nicht befähigt, das Ideal einer schönen
weiblichen Seele verwirklichen zu können. Er besaß weder Geist noch Witz. Bei
alledem war er maßlos eitel und wollte nicht allein durch seine schöne Gestalt
Interesse erwecken; er wusste recht gut, dass die meisten Frauen eher ein
hässliches Äußere, als den Mangel an innerem Fond verzeihen. Es blieb ihm mithin
nichts anderes übrig, als jene Verschlossenheit und Schroffheit des Wesens
anzunehmen, hinter denen die Welt sehr leicht geneigt ist, durchdringenden
Verstand, Originalität und Strenge der Ansichten zu vermuten. Es gab keinen Mann
in der Welt, der sich rühmen konnte, auf vertrautem Fuße mit Herrn von Hollfeld
zu stehen; er war schlau genug, jeden Einblick in sein Inneres abzuwehren, und
vermied streng jedes eingehende Gespräch mit Männern; den Damen genügte jene
raue Schale vollkommen, um hier das Sprichwort vom »desto süsseren Kern« in
Anwendung zu bringen. Herr von Hollfeld verstand zu rechnen. Er wurde der
Gegenstand stiller Wünsche und Sehnsucht, wie ja das Eroberungsgelüst in der
Schwierigkeit den Sporn findet. Was indes Hollfelds Geiste an Kraft und Feuer
gebrach, das wurde vollkommen ausgeglichen im Gebiete der niederen
Leidenschaften, unter denen die Habsucht und die sinnliche Liebe die Hauptstimme
hatten. Um seine Stellung in der Welt zu einer glänzenden und angenehmen zu
machen, scheute er keine Intrige; er hatte
