 denken, mit ihren Töchtern gemeinsam sich des
Lebens Notdurft zu erwerben. Eine Bürgersfrau brauchte vielleicht in solcher
Lage und in solchem Augenblicke auf nichts als auf ihr beleidigtes Mutterherz
und auf die Empfindung ihrer Töchter Rücksicht zu nehmen, denn Bürgermädchen,
wenn sie kein Vermögen besitzen, werden von Jugend an darauf hingewiesen, sich
selbst zu helfen, sie können arbeiten, um ihrem Ehrgefühle zu entsprechen,
arbeiten, um ihren Kummer zu übertäuben, arbeiten, um sich eine getäuschte
Liebeshoffnung aus dem Sinne zu schlagen - aber Hildegard und Cäcilie, die
Gräfinnen Rhoden, konnten das doch nicht.
    Sie hatten eine gute, standesmässige Erziehung erhalten, d.h. sie besaßen,
wie die wohlhabenden Frauen überhaupt, von einer Menge von Dingen, von Kunst,
von Literatur und Wissenschaft genau so viel Kenntnisse, als unerlässlich waren,
über die ernstaften Leistungen Anderer falsch und oberflächlich aburteilen zu
können; aber sie hatten nichts so gründlich erlernt, dass es sie irgendwie
befähigte, darauf eine Zukunft zu bauen, und sie hatten vor allen Dingen nicht
arbeiten, das Leben nicht als eine ernste, fortdauernde Arbeitszeit betrachten
lernen.
    Die Leistungen, welche Hildegard während des Krieges über sich genommen
hatte, waren von der Begeisterung des Augenblickes erzeugt und getragen worden.
Sie hatte dieselben mit vielen Andern geteilt, sie waren eine anerkannte, eine
bewunderte und bis zu einem gewissen Grade auch eine absehbare Tätigkeit für
Andere gewesen. Mit der Arbeit um die eigene Existenz, um das tägliche Brod war
es nicht dasselbe. Das Ende einer solchen ist schwer vorauszusehen, Niemand
bewundert, kaum irgend Jemand teilt oder versteht sie in den gesellschaftlichen
Kreisen, denen die Gräfinnen angehörten. Wenn sich in ihnen auch Männer fanden,
welche ihr Einkommen durch die Dienste erwarben, die sie dem Fürsten oder dem
Staate leisteten, so trat doch das Arbeitenmüssen der Ehre der Frauen, nach den
Begriffen ihrer Standesgenossen, offenbar zu nahe; und dienen konnten Frauen
ihres Ranges nach denselben Anschauungen eben nur den Fürsten, welche über ihnen
standen. Es war nicht anders, die Gräfin mochte es ansehen, wie sie wollte, sie
musste ihr beleidigtes Herz, sie musste ihr Ehrgefühl überwinden, weil der
Ehrbegriff ihrer Umgangsgenossen die Arbeit für entehrend erachtete, und
Hildegard musste sich darein ergeben, ihren früheren Verlobten den Gatten ihrer
Schwester werden zu sehen. Die Mutter durfte es nicht hindern, dass Cäcilie sich
mit einem Manne verheiratete, zu dessen Charakter ihr das rechte Vertrauen
fehlte. Ihre Armut zwang sie, um der Standesehre willen zu tun und geschehen
zu lassen, was allen ihren Gefühlen, was ihrer Überzeugung widersprach.
    Es kam ihr deshalb sehr gelegen, als Vittoria sich zur Vermittlerin zwischen
den Wünschen ihres Stiefsohnes und den Bedenken von Cäciliens Mutter machte.
Obschon es ihr
