 den Glauben, dass die Gottheit noch in
unseren Tagen dem Menschen sichtbare Zeichen gebe, wenn er ihres Beistandes
bedürfe oder sich sonst in ungewöhnlichen Lebenslagen befinde.
    Gewiss! sagte der Kaplan, davon bin ich überzeugt! Es ist kein Wandel in dem
Unwandelbaren, und was Gott einst in seinem Erbarmen für die Menschheit getan
hat, das kann und muss sich bei dem gleichen Anlasse immer wiederholen.
    Angelika sah ihn ernstaft an. Sie glauben also an wunderbare Ereignisse, an
wunderbare Zeichen? forschte sie weiter.
    Unbedenklich! versicherte er ihr. Aber was bewegt Sie zu diesen Fragen,
meine gnädige Frau?
    Sie antwortete ihm nicht darauf; sie wollte jedoch wissen, ob er je etwas
der Art erlebt, ob er irgend eine Erfahrung gemacht habe, welche seine Aussage
bestätigen oder einen Beweis für die Lehren von dem geistigen Zusammenhange der
Toten mit den Lebenden gewähren könne.
    Er zögerte eine Weile, indes er sah die Spannung, mit welcher sie an seinem
Mund hing, und mit feierlichem Ernste sagte er: Es begegnet, des bin ich sicher,
nicht eben oftmals, dass die Gottheit es für nötig findet, dem Menschen durch
ein sichtbares Zeichen ihrer Vorsehung und Allgegenwärtigkeit zu Hilfe zu
kommen; wo es aber geschieht, da hat man es als die höchste Gnade anzusehen, und
wem es begegnet, dem legt es die doppelte Pflicht der eigenen Heiligung und der
Werktätigkeit für Andere auf. Mir ist diese Gnade einst geworden, als ich auf
dem Wege war, sie weniger denn jemals zu verdienen.
    Die Gehobenheit, mit welcher er sprach, umleuchtete sein edles Antlitz und
seine ganze würdige Gestalt, dass Angelika der Raum des Zimmers durch sein bloßes
Dasein wie geweiht schien. Es wurde ihr feierlich zu Mute, als befinde sie sich
in der Kirche, und es war nicht Neugierde, sondern ein heißes Verlangen nach
Wahrheit, dass sie zu der Bitte antrieb, der Kaplan möge ihr, wenn er das könne,
mitteilen, was ihm einst widerfahren sei.
    Ja, versetzte er nach kurzem Schweigen, das will ich tun. Sie sollen
vernehmen, was bisher Niemand von mir gehört hat, und wovon jetzt kein Lebender
außer mir noch Zeugnis geben kann. Ich will es tun, so schwer es mir auch
ankommt, von den Verirrungen meiner Jugend zu sprechen. Nur im büssenden Gebete
hatte ich seit langen Jahren jener Zeiten noch gedacht, und ich hatte nicht
gemeint, dass jemals wieder über meine Lippen kommen würde, was ich einst in
bitterer Reue dem verschwiegenen Ohre meines Seelsorgers und Beichtvaters
anvertraut, um durch ihn Vergebung für eine Sünde zu erlangen, welche für mich,
für den geweihten Priester unseres Gottes schwerer als für einen Andern in die
Wage des Gerichtes fiel. Aber es erscheint
