 deren Wahrheit
Du aufrecht erhieltest; ich konnte mir nun gar nicht denken, dass ein Mann wie Du
an Wunder zu glauben vermöge, und ....
    Und? fragte der Freiherr.
    Und so hielt ich Dich halbwegs für einen Heuchler, ohne begreifen zu können,
weshalb Du heucheln solltest! sagte sie schnell, als wolle sie damit fertig
sein.
    Sie hatte erwartet, einen Scherz oder einen Tadel zur Antwort zu bekommen,
aber keines von beiden traf zu. Der Baron blieb ernstaft und ruhig und fragte
nur, was sie unter dem Worte Wunder verstanden haben wolle.
    Nun, zum Beispiel jene auf der Erde wahrnehmbare Fortdauer der Verstorbenen,
sagte Angelika, von welcher man auch bei Frau von Uttbrecht als von einer
Tatsache zu reden liebt, und an die man doch nicht im Ernste glauben kann.
    Du irrst, sprach der Freiherr mit großer Bestimmtheit, und es ist also, wie
ich sehe, noch ein wesentlicher Überzeugungssatz zwischen uns unaufgeklärt, was
mir wirklich leid ist. Ich glaube an die wahrnehmbare Fortdauer der Geschiedenen
so gewiss, als ich an die Unsterblichkeit unserer Seele und an unsere persönliche
Fortdauer nach dem Tode glaube. Nur ein unlogischer Kopf, so dünkt mich, kann
auf den Einfall geraten, dass eine Wesenheit, die sich von ihrem ersten Keime an
in strenger Folgerichtigkeit zur Individualität entwickelt, plötzlich und mit
Einem Schlage als Individualität zu sein aufhören könne. Abgesehen aber davon,
so hat ja Christus uns die persönliche Fortdauer, ja die Auferstehung des
Fleisches verheißen, und der Kaplan wird Dir nachweisen können, dass in alter und
neuer Zeit bevorzugte Menschen der unwiderleglichsten Offenbarungen, Ermahnungen
und Tröstungen durch das Erscheinen Verstorbener gewürdigt worden sind.
    An der Unsterblichkeit unserer Seele zweifle ich gewiss nicht! beteuerte
Angelika, eingeschüchtert durch den Ernst des Freiherrn. Ihr protestantisches
Bewusstsein ließ sich jedoch so leicht nicht zur Ruhe bringen, und wenn auch
zaghaft, fragte sie dennoch: was haben aber die Geistererscheinungen mit unserer
Unsterblichkeit gemein?
    Der Baron blickte sie an, als komme ihm eine solche Frage sehr auffallend
vor, dann entgegnete er belehrend: Allmähliches Werden und Vergehen ist das
Gesetz aller Organismen. Es tritt nichts plötzlich in die Erscheinung, es
verschwindet nichts plötzlich aus ihr; und wie der Mensch im Schoss seiner
Mutter allmählich werdend zum sichtbaren Dasein erwächst, so verschwindet er,
das ist mir zweifellos, auch nur allmählich von der Erde, von der Stätte, die er
geliebt, und aus dem Gesichtskreise derjenigen, in deren Leben er seine
eigentliche Heimat gehabt hat. Erst wenn diese Loslösung, die sich je nach den
verschiedenen Persönlichkeiten in längerer oder kürzerer Zeit vollzieht, ganz
und gar beendet ist, kann vernunftgemäss der Läuterungsprocess der Seele beginnen,
den unsere Kirche als ein Dogma
