 in Anspruch genommen. Er hatte sich bei seinen Vorgesetzten
vorzustellen, alte Bekannte und Freunde aufzusuchen, und überall fand er einen
Empfang, der ihn die unangenehmen Erörterungen der ersten Morgenstunde bei
seinem wenig tiefen Sinne leicht vergessen machte. Allerdings wurde auch von
seinen Vorgesetzten wie von seinen Freunden die Frage, ob er im Dienste bleiben
oder sich auf seine Güter begeben werde, mehrfach angeregt, aber es geschah in
einer Weise, welche deutlich kund gab, wie man bei einer solchen Entschließung
an die vollste Freiheit von seiner Seite glaube und höchstens den Wunsch seiner
künftigen Gattin, denn man deutete ihm überall an, dass man um sein Verlöbnis mit
der Gräfin Rhoden wisse, als einen ihn bestimmenden Einfluss in Betracht bringe.
    Wohin er kam, begegnete er einer großen Zufriedenheit und den besten
Hoffnungen für die Zukunft des Vaterlandes, in welche denn selbstverständlich
die besten Aussichten für den Einzelnen immer mit eingeschlossen waren. Man
rühmte sich nicht, wie Renatus das in Frankreich erlebt hatte, eines gewaltsamen
Rückschrittes in die Zustände der Vergangenheit, aber man sprach es in den
militärischen und adeligen Kreisen doch unzweideutig aus, wie man froh sei, dass
jene Tage einer unnatürlichen Aufregung nun überstanden und überwunden wären, in
denen die Masse des Volkes über ihre eigentlichen Grenzen hinausgetrieben und,
freilich durch die Notwendigkeit, ihrem häuslichen Leben wie ihrem Berufe und
Gewerbe abwendig geworden war. Man erkannte mit Zufriedenheit, wie der Strom der
Bewegung jetzt auf's Neue richtig eingedämmt, in sein altes Bett zurückgeleitet
werde, und wie die natürliche Gliederung der Stände sich gleichsam von selber
wieder herstelle, seit man in den höchsten Kreisen die schönen, würdigen Formen
der Etiquette wieder strenger aufrecht halte. Besonders jedoch versprach man
sich von der Verbindung der Königstochter mit dem russischen Tronfolger, dessen
Gesinnungen und Charakter man höchlich pries, wie von dem engen Anschlusse an
das conservative Österreich, dass man nun auch in Preußen schnell den
phantastischen, demagogischen Freiheitsgelüsten, die einer ruhigen Entwicklung
des Staatslebens im Wege ständen, das Ende machen werde. Und da man von oben
herab einzelnen hartbedrängten adeligen Grundbesitzern mit großen Darlehen zu
Hilfe gekommen war, sah man, wenn in Preußen auch nicht die Milliarde von
Franken in Aussicht stand, mit welcher man die Ausgewanderten in Frankreich
entschädigt hatte, doch für den Adel des Landes sehr beruhigt und hoffnungsreich
in die Zukunft hinaus.
    Als Renatus dann am Abende, wie er es versprochen hatte, seinen Oheim
besuchte und ihm von seinem Tagewerke Rechenschaft geben sollte, gestand er
diesem, dass er dieses Tagewerk, wie er es nannte, mit einer Übereilung, ja,
recht eigentlich mit einer Dummheit angefangen habe.
    Der Graf begehrte natürlich zu wissen, was das heißen solle, und sein Neffe
entgegnete: Ich habe gegen die ersten
