 Aberglauben frei, und bei dem gesunden Sinne ihres
Vaterhauses waren ihr religiöse Zweifel eben so fremd geblieben, als
überschwängliche Gefühlsseligkeit und Mysticismus. Man hatte auf Schloss Berka in
herzlicher Liebe und Eintracht ein ruhiges Leben geführt, hatte die Pflichten
gegen einander, ohne darüber viel nachzudenken, in Freundlichkeit geübt, an
jedem Tage das Notwendige vollbracht, hatte sich daneben an den Werken der
großen Dichter, deren hell leuchtendes Doppelgestirn damals strahlend an dem
Horizonte Deutschlands aufgegangen war, mit dankbarer Erhebung erfreut, und wenn
man sich dann am Ende der Woche sagen konnte, dass man in der Familie das Seinige
geleistet habe und dass den Bewohnern der Güter, wie den Dienstleuten des Hauses,
das Zukömmliche nicht gefehlt, so war man an den Sonn-und Feiertagen heiter und
zufrieden, und mehr oder weniger gesammelt in die Kirche gegangen. Der
wöchentliche Gottesdienst hatte einen Teil des gewöhnlichen Familienlebens
ausgemacht, wie die würdige Haushaltung, wie die ausgebreitete Gastfreundschaft
und die stattliche Repräsentation, die man eben auch als etwas sich von selbst
Verstehendes zu betrachten gewohnt war.
    Angelika hörte es daher nur mit Widerstreben an, als Frau von Uttbrecht,
nachdem man eines Abends, an welchem man ebenfalls bei ihr versammelt war, eine
Weile von den gleichgültigsten Dingen gesprochen hatte, plötzlich von der
Erbauung zu reden anfing, welche sie in dem einsamen Gebete finde.
    Wenn ich dem Heilande alle Falten meines Herzens eröffne, sagte sie, damit
er klar hineinschauen kann, wenn ich mir alle meine Fehler deutlich mache und
ihn anflehe, mich von ihnen zu erlösen, so erwächst mir daraus eine wahrhaft
himmlische Ruhe. Nach solchen Momenten habe ich die beglückendsten Träume. Fast
immer sehe ich dann meine gute Mutter vor mir, aber nicht hinfällig und krank,
wie sie in den letzten Jahren unter uns geweilt hat, sondern jung und schön, und
doch ohne alle Erdenschwere, ohne die starke Farbe, welche in der Sinnenwelt den
Dingen anhaftet. Ich sehe sie auch nicht eigentlich mit dem körperlichen Auge.
Es ist eine feinere, edlere Art der Wahrnehmung. Der Geist berührt den Geist,
und wäre es nicht zu kühn, so würde ich sagen: so müssen die Jünger den Heiland
erkannt haben, als er nach seiner Auferstehung wieder unter ihnen zu wandeln
begann.
    Und spricht sie zu Ihnen? fragte einer der Anwesenden.
    Ja, Gottlob! rief Frau von Uttbrecht und hob die schönen, reich beringten
Hände andächtig gefaltet empor, während ihre seelenvollen Augen sich dankbar gen
Himmel richteten. Ja, Gottlob, sie spricht zu mir, aber ihre Rede ist mir oft im
ersten Augenblicke nicht deutlich. Später erst habe ich es bisweilen an meinen
Erlebnissen erkannt, dass es Worte der Verkündigung gewesen sind, die sie zu mir
geredet hatte.
