
den Einzelnen in sich aufnimmt und mit sich fortträgt. Aber bemühen Sie Sich
nicht um mich, ich bin der Anstrengung nicht wert. Ich kann weder glauben noch
lieben auf eines Anderen Geheiß, weder beten noch mich verheiraten, wo es mich
selber nicht dazu drängt; und was kümmert es Sie, woran ich jenseit des Kanales
glauben, oder meine Tante, an wessen Seite ich dort leben werde? Denn dass ich
Frankreich und dieses Haus verlasse, sobald ich die mir zustehende Freiheit dazu
erlange, daran, Herr Abbé, zweifeln Sie wohl selber nicht!
    Und wer sagt Ihnen, Gräfin, fragte er sie, dass ich es ersehne, Sie als die
Gattin des Prinzen Polydor zu sehen, wennschon ich Ihnen nie verhehlte, dass ich
mich glücklich schätzen würde, eine so mächtige und freie Seele wie die Ihrige
zu den Unsrigen zählen zu dürfen?
    Die Gräfin war überrascht. Nie zuvor hatte der Abbé mit ihr über die Plane
des Prinzen Polydor gesprochen; aber sie fasste sich schnell, und jene Andeutung
ganz unbeachtet lassend, sagte sie: Sie nennen meine Seele mächtig und frei! Was
kann die Macht und die Freiheit einer Seele ihrer Kirche nutzen, die blinden
Gehorsam gegenüber ihrer unumschränkten Herrschaft fordert?
    Wer herrschen will, bedarf der Menschen, die zum Herrschen fähig sind! gab
er ihr zur Antwort. Zum Gehorchen sind Viele berufen, zum Herrschen werden
einige Wenige erwählt.
    Und Sie gehören zu diesen Letzteren, nicht so, Herr Abbé? meinte Eleonore
mit gewohnter Keckheit.
    Der Abbé folgte jetzt dem Beispiele, das sie selber ihm gegeben hatte. Er
überhörte geflissentlich den Ton, mit welchem sie diese Frage an ihn richtete.
Ich hoffe mich durch Unterordnung unter die Weisheit der Herrschenden zum
Herrschen geschickt zu machen, Gräfin! gab er ihr zur Antwort.
    Sie halten also Herrschaft für ein Glück?
    Ich halte die Herrschaft für die höchste Befriedigung, die dem Menschen zu
genießen verliehen ist, und ich erachte es als die höchste Tugend, wenn ein zum
Herrschen geborener Mann durch die Schule der Selbstbeherrschung und der
Unterordnung sich dazu befähigt, für gute und edle Zwecke, für die höchsten
Ziele, die Herrschaft über jene ungeheure und ungeschulte Masse zu gewinnen,
die, sich selber überlassen, zu jedem Irrtume, zu jeder Ausschweifung, zu
jeglichem Verbrechen zu verführen ist. Oder ersehnt Ihr Herz die Vorgänge und
die Zeiten wieder, welche vor unserer endlichen Rückkehr dieses arme Frankreich
heimgesucht haben?
    Der Abbé wusste, wem er die Reize der Herrschaft anpries. Auch hatte die
Gräfin ihm mit tiefem Ernste zugehört.
    Sie sprechen von Zielen, wie sie dem Manne winken. Wo ist uns Frauen die
Möglichkeit zu jenem Tun eröffnet, das Sie als die höchste irdische
Befriedigung bezeichnen?
