 launenhaften Selbstwilligkeit stellte, zürnte und grollte er ihr, aber
immer blieb sein Sinn mit ihr beschäftigt, wie das neue Leben, das er führte,
seit er in das Haus der Herzogin gekommen war, ihn auch gefangen nahm und von
allen seinen bisherigen Erinnerungen und Wünschen abzuziehen geeignet war.
    Renatus hatte noch nie an einem Hofe gelebt und noch kein weibliches Wesen
gekannt, das mit der Gräfin Haughton zu vergleichen gewesen wäre. Das Erfahren
und Erleben wurde für ihn fast überwältigend, und doch sagte er sich an jedem
Tage, dass er jetzt erst zu leben anfange, dass ihm jetzt erst eine Jugend
aufgehe, wie sein Vater sie genossen habe, wie sie eines Mannes von seinem
Stande würdig und wie sie ihm durch die Ungunst der Verhältnisse viel zu lange
vorenthalten worden sei.
    Da er in den Stürmen der Revolutionszeit geboren und erwachsen war, hatte
man ihn, mit dem Hinweise auf die Unbeständigkeit aller irdischen Macht und
Güter, zu einer gewissen Selbstbeschränkung erzogen und es waren, ohne dass man
es beabsichtigt oder er selbst es gemerkt hätte, doch viele der Anschauungen an
ihn herangekommen, welche als ein neues Menschheits-Evangelium die Welt
umzugestalten begonnen hatten. Nun befand er sich mit Einem Male auf einem Boden
und inmitten einer Nation, in welchen die Lehren von der Freiheit und
Gleichberechtigung aller Menschen tiefer als irgendwo sonst in das
Volksbewusstsein eingedrungen, und von Wirkungen und Taten so zerstörender und
durchgreifender Art gefolgt gewesen waren, dass man die erneute Herrschaft der
früheren Weltanschauung und die Wiederkehr der alten Staatsverhältnisse und
Zustände für immer unmöglich hätte halten müssen. Trotzdem tronte der
achtzehnte Ludwig wieder in den Tuilerieen, doch waren den vertriebenen und
wieder heimgekehrten Adelsgeschlechtern, doch waren der katholischen
Geistlichkeit ihre Titel und Würden und Besitztümer zurückerstattet worden, und
von den Beamten des Kaisertums wie von den einstigen Republikanern drängten
sich große Massen an die neue Gnadensonne heran, und gar viele von den Bekennern
der Vernunft-Religion füllten jetzt wieder die Kirchen, in denen man die
Dankes-Hymnen für die Niederwerfung der Revolution und für die Besiegung des
Bonapartismus ertönen ließ.
    Konnte es da befremden, wenn ein werdender, ein in sich noch in keiner Weise
gefestigter Charakter sich der, seinen eigenen Anschauungen nahe verwandten
Meinung der Gesellschaft anschloss, in der er sich bewegte? Und was hatte Renatus
aus seinem eigenen Geiste oder seiner eigenen Erfahrung dagegen einzuwenden,
wenn die Herzogin und ihre Freunde den Ausspruch des Kaisers Alexander auch zu
dem ihrigen machten, wenn sie die ganzen Ereignisse der letzten dreißig Jahre
als einen wilden Strom betrachteten, dessen Wassern man nur die Zeit zum
Verlaufen habe gönnen müssen, damit das Dauernde, das allein Würdige, die
Herrschaft des Adels und der Kirche in ungetrübter Ruhe wieder zur Erscheinung
und zu ihrer Geltung habe
