
seine Verlobung den Freunden bekannt zu machen, und man benutzte diese Zeit,
Davidens Übertritt zur christlichen Kirche, ohne welchen ihre Ehe mit Paul eine
Unmöglichkeit gewesen sein würde, einzuleiten. Die Zeit war aufgeklärt, denn die
Freiheitskriege, in denen Männer und Jünglinge aller Bekenntnisse einmütig in
Reih und Glied gestanden hatten, um das Joch der Fremdherrschaft von dem
Vaterlande abzuwerfen, hatte selbst den Beschränkten und Kurzsichtigen,
wenigstens für den Augenblick, die Erkenntnis gegeben, dass man die gleiche
Vaterlandsliebe hegen, die gleiche Ansicht über die Ziele der Menschen haben
könne, ohne den Glauben an die kirchlichen Lehrsätze mit einander zu teilen,
und es hatte also in der Stadt, in welcher ein Fichte seine Reden an das
deutsche Volk und Schleiermacher seine moralphilosophischen Predigten gehalten
hatte, keine Schwierigkeit, einen Geistlichen zu finden, der sich willig zeigte,
der jungen, in den Grundsätzen einer reinen Moral und einer liebevollen
Hingebung an das Ideale auferzogenen Jüdin die Aufnahme in die christliche
Gemeinschaft zu bewilligen, wenngleich sie Manches, das die
protestantischevangelische Kirche zum Glaubenssatz erhoben hat, nur als
geschichtlichen Mytus anzusehen vermochte.
    Weder Davide, noch einer der beiden ihr verbundenen Menschen hatten dabei
Kämpfe in sich zu bestehen oder große äußere Hindernisse zu überwinden; denn wo
die Grundanlage in der Natur eines Menschen gesund ist, wo die Verhältnisse, in
denen er sich bewegt, auf Wahrheit gegründet sind, und wo sein Tun und Streben
sich im richtigen Zusammenhange mit der Zeit befinden, der er angehört, da
vollziehen alle Wandlungen sich sehr einfach und unmerklich, da geschehen seine
eigene Entwicklung und das Wachsen seiner äußeren Glücksumstände meist so
allmählich und so still wie die Entfaltung eines Keimes zu seiner Blüte und zu
seiner Frucht. Nicht das täglich Werdende, nur das Gewordene stellt in solchen
gesunden und natur- und zeitgemässen Verhältnissen sich dem beobachtenden Blicke
dar, und es hat immer seine Bedenklichkeiten, wenn das Leben eines Menschen oder
einer Familie viel von sich sprechen macht, oder die Aufmerksamkeit der
Außenwelt durch ungewöhnliche Vorgänge auf sich zieht.
    Es war nicht zum Verwundern, dass Seba sich in diesem Jahre so einsam hielt,
nicht zum Verwundern, dass Paul früher als die Anderen alle aus dem Feldzuge heim
kam und zu seinen Geschäften wiederkehrte. Man hatte immer erwartet, dass Davide
Christin, dass sie die Gattin Tremann's werden würde. Dass dieser, an einen
größeren, weiteren Handelsverkehr gewöhnt, die Geschäfte des Hauses ausdehnen
und in neue Bahnen leiten würde, das hatte man mit derselben Sicherheit
vorausgesehen. Wie schwer er aber arbeitete, mit welchen Sorgen er zu kämpfen
hatte, darüber sich zu äußern oder gar sich zu beklagen, das war nicht seine
Sache. Man sah ihn immer gleichmäßig ruhig in selbstgewisser Zusammengefassteit,
und das gemessene Vertrauen,
