 des Christentums und von den Erzählungen der Evangelisten
gewusst hatte, war für ihn nicht weniger mytisch, wenn auch weniger lebendig
gewesen, als die Erinnerungen an die alte Götterwelt der Griechen und der Römer.
    Da er zur Zeit, in welcher er aus Europa entfloh, über seine Jahre groß und
kräftig gewesen war, hatte man ihn für älter gehalten, als er war, und Niemand
hatte sich jemals die Mühe genommen, daran zu denken, ob er in irgend einer
Religion unterrichtet worden sei und ob er ein kirchliches Glaubensbekenntnis
abgelegt habe oder nicht. Mit der Neugier der Jugend war er, wenn man ihm in
Amerika am Sonntage seine Stunden für den Kirchenbesuch frei gegeben hatte, bald
in diese, bald in jene Kirche gegangen, hatte dem Gottesdienste der
verschiedensten Culte zugesehen, bis er, dieses Anschauens müde, den
Kirchenbesuch, zu dem er im Weissenbach'schen Hause ohnehin nicht angehalten
worden war, und den er Seba niemals üben sehen, endlich ganz und gar aufgegeben
hatte. Er war nicht confirmirt worden, er hatte nie das Abendmahl genossen, er
hätte nicht zu sagen vermocht, welchem Bekenntnisse er angehöre, hätte sein
Taufschein es nicht ausgewiesen, dass er in die christlich evangelische
Kirchengemeinschaft aufgenommen sei; und mit Davide war es ziemlich derselbe
Fall. Denn wie die religiösen Verhältnisse sich in unsern Zeiten ausgebildet
haben, wählt der Mensch seine Religion nur in den seltensten Fällen frei und
selbstständig: er wird in ihr geboren und nimmt sie als Familien-Überlieferung
in sein eigenes Leben mit hinüber.
    Davide hatte mit dem Judentume nicht mehr Zusammenhang, als ihr Verlobter
mit dem Christentume; aber ihre Begriffe von Recht und Unrecht, ihr Streben
nach dem Guten, ihre Verehrung vor dem Großen und Erhabenen, ja, alle ihre
moralischen Anschauungen und sittlichen Überzeugungen waren ihnen Beiden
frühzeitig von derselben Hand und aus derselben lautern Quelle zugekommen, und
das öftere und längere Zusammenleben in den Jahren, welche dem Kriege
vorausgegangen waren, hatten dazu gedient, den Einklang zwischen Seba und ihren
beiden Pflegekindern, wie sie Paul und Davide zu nennen liebte, vollständig
herauszubilden. Sie waren durch und mit einander unablässig in ihrer Entwicklung
vorgeschritten. Die weitreichenden socialen Ansichten, welche Paul erworben,
hatten Seba vielfach aufgeklärt, ihre inneren Erfahrungen waren ihm, so weit ein
Mensch dem anderen mit seinen Erfahrungen nützen kann, zu Gute gekommen, und
zwischen ihnen Beiden war Davide in einer Atmosphäre der Wahrheit und der
Verständigkeit so unangefochten aufgewachsen, dass sie die Möglichkeit besessen
hatte, sich zu dem Gleichmass und zu der ruhigen Seelenschönheit zu entfalten,
welche Seba einst an der Baronin Angelika bewundert und für sich selbst in jenen
Tagen so unnachahmlich gefunden hatte.
    Weil Seba noch um ihren Vater trauerte, verzichtete das junge Paar darauf,
