 ihn daran, dass er an der Ehe seiner Eltern das Beispiel vor
sich habe, wie unglücklich eine nicht völlige Zusammengehörigkeit die Gatten
machen könne, und er sprach sich, da er Renatus nachdenklich werden sah, endlich
dahin aus, dass er es für alle Teile heilsam glaube, wenn man vorläufig das
Herzensbündniss der Liebenden noch als ein Geheimnis bewahre.
    Du, mein teurer Renatus, sagte er, wirst dadurch der Notwendigkeit
enthoben, Deinem richtigen Zartgefühle entgegen, eben jetzt von Deinem Vater ein
sicherlich widerwillig gegebenes Zugeständnis zu fordern. Du und auch die teure
Hildegard, Ihr gewinnt beide die Zeit, in der Trennung Eure Herzen und die
Beständigkeit und Stärke Eurer Neigung zu erkennen und zu prüfen, und kehrst Du
uns, wie wir alle sehnlich hoffen, unter dem Schutze des Höchsten aus dem Kriege
heim, hellt unser politischer Gesichtskreis sich so weit wieder auf, dass Gewerbe
und Handel sich wieder frei bewegen können, dass der Grundbesitz seinen wahren
Wert zurückerlangt, nun, so wird Dein Vater keine Ursache mehr haben, Dir
irgend eine Beschränkung bei Deiner Wahl aufzuerlegen, und er wird dann
diejenige mit Freunden in seine Arme schließen, der er heute nur widerwillig
seinen Segen geben würde.
    Renatus hatte, den Kopf in die Hand gestützt, den Auseinandersetzungen
seines geistlichen Freundes ohne eine Erwiderung zugehört. Auch als derselbe
geendet hatte, regte der junge Mann sich nicht. Der Kaplan kannte das an ihm und
es galt ihm als ein gutes Zeichen. Wenn Renatus nach einem Meinungsaustausche
auf solche Weise in sich selbst versank, war er in der Regel damit beschäftigt,
wie er die fremde Ansicht mit der seinigen so verbinden könne, dass dasjenige als
freie Entschließung erschien, was er auf Zureden eines Anderen tat. Denn
obschon er die stolze Selbsterrlichkeit seines Vaters nicht besaß, hatte er
doch die Eitelkeit, in den geringfügigsten wie in den wichtigsten Dingen seine
Meinung und seine freie Entschließung kundgeben und behaupten zu wollen; ja, er
war im Stande, seine eigene Überzeugung, wenn ein Anderer dieselbe
ausgesprochen hatte, zu verleugnen und ihr entgegen zu handeln, nur um den
Verdacht der Unselbständigkeit von sich abzuwehren. Hier aber, wo der Rat
seines Lehrers mit seinem geheimsten Wollen zusammentraf, verlangte es ihn,
vielleicht ohne dass er sich dessen klar bewusst war, danach, sich auch im voraus
gegen die Vorwürfe zu sichern, die er oder Andere ihm später über seine
Handlungsweise machen konnten. Er wollte Herr über seine Entschlüsse bleiben und
doch die Möglichkeit haben, die Verantwortlichkeit für dieselben im Notfalle
auf fremde Schultern wälzen zu können, und der Kaplan war es als ein Diener
seiner Kirche gewohnt, wo es der Förderung ihrer Zwecke galt, schwerere Lasten
und Verantwortungen über sich zu nehmen, als Renatus ihm in
