, und scheute sich doch davor. Er
ärgerte sich darüber, dass er sich der innerlichen Betrachtungen nicht
entschlagen konnte, er fand es lächerlich, dass er sich Sorgen und Vorwürfe über
sein Verhalten gegen Hildegard machte, dass es ihm weh tat, von Seba, von Davide
geringschätzig zu denken. Er wünschte sich den leichten Sinn, ja, den Leichtsinn
seines Onkels. Was nutzten ihm seine strengen Grundsätze in einer Welt und in
einer Gesellschaft, welche nicht auf solche Grundsätze erbaut war? Er hatte
sich, wie er meinte, in der Tat über die klösterliche Erziehung, die man ihm
gegeben, zu beschweren, er passte durch sie nicht einmal mit seinen Kameraden
zusammen, gegen deren fröhliche, auf den Genuss gestellte Sorglosigkeit er sich
bisher so verständig erschienen war. Was sollten ihm eine Tugend, eine
Sittlichkeit, die ihn nur schwerfällig, die ihn pedantisch erscheinen ließ und
die es ihm doch nicht ersparten, mit sich selbst in Zwiespalt zu geraten und
Andern wehe zu tun? Er hätte nicht anders sein mögen, als seine Kameraden, er
hätte ein glücklicher Verführer, wie sein Onkel sein, und sich in der Wärme
seiner Erinnerungen sonnen mögen! Aber man wird nicht mit Einem Male lasterhaft,
wie man nicht mit Einem Male tugendhaft wird. Jedes Ding will gelernt und geübt
sein, und mitten in dem Verlangen, einen Liebeshandel mit Davide anzuknüpfen und
den Amerikaner aus dem Felde zu schlagen, überkam Renatus der Gedanke, was die
arme Hildegard dazu sagen, davon denken würde? Er seufzte um Hildegard und
trachtete zugleich nach der Eroberung der schönen Jüdin und nach Triumphen auf
dem Felde der Liebe. Daneben ärgerte er sich wieder über dieses haltlose
Schwanken, über dieses Wollen und Nichtwollen, und unwillkürlich diesem Ärger
Worte leihend, rief er halb für sich aus: Herkules am Scheidewege ist doch eine
alberne Figur!
    Der Graf wendete sich nach ihm um, und als habe er ihn nicht verstanden,
fragte er, was er wünsche.
    O, rief Renatus, unsere ganze Unterhaltung ging mir durch den Kopf, und ich
musste mir sagen, dass die symbolische Figur des Herkules am Scheidewege albern
sei!
    Sehr albern, wiederholte der Graf, während er sich von seinem Platze erhob -
und um so alberner, als die Dinge, welche man Tugend und Laster nennt, gar nicht
so bestimmt zu trennen und weit näher mit einander verbunden sind, als man uns
in der Jugend glauben machen möchte. Was ist Tugend? Wo hört sie auf? Wo fängt
das Laster an? - Hirngespinnste und Ammenmärchen, zum Besten einiger Wenigen
erfunden! - Er nahm eine Prise, ging auf dem weichen Teppiche des Zimmers auf
und nieder und trat dann an das Fenster, durch dessen Scheiben er
