. Sie sah nur das uneigennützige Wohlwollen, mit welchem man sie bediente,
nur den Eifer, mit dem man ihre Wünsche zu erraten strebte; sie fühlte nur die
Güte, von der sie in jedem Augenblicke umgeben ward, und oftmals meinte sie sich
ihrer allmählichen Genesung nur darum zu erfreuen, weil ihre Pflegerinnen sich
über dieselbe so glücklich bezeigten. Sie vergaß es fast, dass sie vornehm sei,
so heimisch ward es ihr unter der Obhut ihrer Wirte. Nur der Dank der Kranken,
der jungen Frau gegen die ältere, mütterliche Pflegerin war in ihr lebendig,
wenn Madame Flies sich neben ihr bemühte, und die Baronin hatte es bald genug
erlernt, wie die Stunde der Not die Schranken niederwirft, welche die Stände
von einander halten; sie lernte es in ihrer Hinfälligkeit, wie erhebend es sei,
bei seinen Mitmenschen freiwilliger Hingebung und reiner, erbarmender
Menschenliebe zu begegnen.
    Noch an dem Tage ihres Erkrankens hatte die Aussicht, dass die Familie Flies
künftig das Haus von Fräulein Ester, das von Arten'sche Haus in der Residenz
bewohnen werde, die Baronin in allen ihren Ansichten gekränkt; jetzt konnte sie
mit völliger Ruhe daran denken. Denn obschon ihr Befinden sich besserte, sagte
ihr eine bestimmte und unabweisliche Ahnung, dass ihr Lebensziel ihr nicht allzu
fern gesteckt sei, und vor dem Glauben an die eigene Vergänglichkeit verlor die
Vorstellung von der Vergänglichkeit und Wandelbarkeit alles Bestehenden immer
mehr ihre Schrecken für sie, bis sie ihr als eine Notwendigkeit, ja, fast als
eine Wohltat zu dünken begannen. Wie den Freiherrn der Gedanke an die
Wandelbarkeit und Vergänglichkeit aller Dinge zur stolzen Aufrechterhaltung
seines Ichs und seiner persönlichen Bedeutung anreizte, so machte die gleiche
Erkenntnis seine Gattin mild und weich, denn das Gleiche wirkt verschieden, je
nach dem Boden, auf den es fällt, je nach den Elementen, mit denen es sich
vermischt.
    Muss ich doch meinen eigenen Leib, meines Geistes Haus, in Staub zerfallen
lassen, sagte sich Angelika, wie dürfte mich's betrüben, dass ein Haus von Stein
und Mörtel nicht auf ewige Zeiten hinaus denjenigen zu eigen bleibt, deren Väter
es errichteten! Renatus hat seinen eigenen Leib und seinen eigenen Geist von
Gott empfangen, mag er sich auch, gleich seinen Ahnen, sein eigenes Haus
erbauen, und wie Gerhard und ich hier in diesem fremden Hause weilten und von
seinen Bewohnern Gutes erfuhren, Liebe gewannen, so mag die schöne Seba in
Gottes Namen in dem Hause leben, das wir unser eigen nannten und das ich einst
bewohnte; nur - fügte sie seufzend hinzu - möge sie dort glücklicher werden, als
ich!
 
                                 Achtes Kapitel
Sie haben sich lange erwarten lassen, sagte der Freiherr, als an einem Abende
der Kaplan bei ihm
