
werter, seit die Baronin sich sagen konnte: auch sie liebte hoffnungslos, auch
ihr traten die Schranken entgegen, welche die Stände von einander halten, auch
sie hat es gekannt, das hoffende Verlangen und das traurige Entsagen, und sie
ist besser als Du, denn keine Pflicht verbot ihr, frei über ihre Liebe zu
verfügen, und kein Eid stand zwischen ihr und ihres Herzens freier Wahl!
    In dem einsamen Sinnen des Tages, in dem schlaflosen Brüten der Nächte hatte
Angelika eine Einkehr in sich selbst gehalten, sich Bekenntnisse gemacht, wie
man sie nie vor einem Andern, wie man sie nur dem eigenen Gewissen abzulegen
vermag; denn es gibt ein Innerstes in dem Seelenleben fast eines jeden Menschen,
das er nicht Preis geben kann, ohne das geheime Band zu zerreißen, welches die
Elemente seines Wesens zusammenhält, ohne sich des freien Willens zu entäussern,
der ihn zu einem selbstständigen Menschen, eben zu dem Menschen macht, als
welcher er sich von der Masse seiner Mitmenschen unterscheidet. Jedes
Bekenntnis, welches der Mensch vor einem andern Menschen ablegt, ist daher immer
ein bedingtes. Die Persönlichkeit, die Meinung, der Glaube dessen, vor dem wir
sprechen, wirken auf uns zurück, und hüllenlos, schrankenlos wahr vermag der
Mensch nur gegen sich selbst zu sein, wenn Geständnis und Urteil, aus gleicher
Quelle entspringend, in Eins zusammenfallen.
    So lange sie sich in der Nähe und unter der geistigen Obhut des Kaplans
befunden, hatten sein religiöser Sinn und sein fester Glaube sie vor jedem
Schwanken bewahrt. Sie hatte selbst die Sehnsucht nach dem ihr versagten Glücke
eine Sünde in ihrer Brust gescholten. Das Beispiel des Kaplans hatte sie zur
Entsagung ermahnt, und wie der Freiherr es auf seine Weise tat, hatte auch sie
danach gestrebt, sich mit dem Gedanken an ihre bevorzugte Lebensstellung, mit
der Erinnerung an ihren Rang und an ihre Geburt zu trösten und von dem
Schicksale damit abgefunden zu glauben.
    Aber die Gedanken und Anschauungen des Menschen gehören ihm nur an, wie die
Frucht dem Samenkorn angehört. Sie werden in ihrer mehr oder weniger schnellen
Entwickelung, wie in der Art ihrer Entfaltung durch die äußeren Umstände
bedingt, und seit Angelika nicht mehr im Schloss weilte, seit sie nicht mehr
ausschließlich von ihren Standesgenossen umringt, nicht mehr von der
Unterwürfigkeit ihrer Dienerschaft umgeben ward, fing die Welt an, ihr
verwandelt zu dünken, weil der Blick sich änderte, mit dem sie in ihr Inneres
und in das Leben schaute.
    Von dem Tage ab, an welchem sie des Freiherrn Gattin geworden war, hatte die
Ruhe sie geflohen. Schwere Enttäuschungen, Sorge um seinen Gemütszustand,
Gewissenszweifel, religiöse Kämpfe und Familienzerwürfnisse hatten ihre Seele
nicht zum Frieden gelangen lassen, ehe die Herzogin ein Gast
