 Alles in dem Flies'schen Hause.
    Das Notwendige war im Überfluss vorhanden, alles Erwünschte konnte man sich
bereiten und schaffen. Die liebevolle Sorgfalt, mit welcher die Eheleute
einander begegneten, wurde nur von der Hingebung der Tochter für die Eltern
übertroffen. Die alten Dienstboten, die Komptoir-Gehülfen waren wohl gehalten,
kein Armer, kein Hülfsbedürftiger ging ungetröstet von dannen, und doch waren
diese Menschen, die das Gute taten, wo sie irgend konnten, keine guten
Protestanten, keine Christen, wie seine Pflegeeltern; doch hatten sie kein Amt,
kein Ansehen vor der Welt, trotzdem die Personen, welche als Freunde ihr Haus
besuchten, sie achteten und liebten, und Viele, die er in herablassender
Vornehmheit von Herrn Flies sprechen hören, sich heimlich Rat und Hilfe suchend
an denselben wendeten.
    Bei seinen Pflegeeltern urteilte man wegwerfend über die Juden, misstrauisch
und widerwillig über die Katholiken, und bei seinen Freunden lächelte man über
die Wunder, welche der Knabe in der Schule als Glaubenssätze hinzunehmen hatte.
Niemand ließ es sich besonders angelegen sein, in ihm die dem Menschengeiste
innewohnende Folgerichtigkeit des Denkens und Schliessens zu Gunsten der uralten
Myten und der phantastischen Überlieferungen zu beschränken oder zu verwirren,
aus denen sich das äußere Gewand aller positiven Religionen zusammensetzt. Er
hörte, dass sein Vater katholisch sei, auch der Herr Kaplan, der sich im Verlaufe
der Jahre ein paar Mal nach ihm erkundigen gekommen, war ein Katholik, seine
Pflegeeltern waren Protestanten, die ihm liebsten Menschen, Seba und ihre
Eltern, waren Juden, und Einer wie der Andere sprach geringschätzend von dem
Glauben, zu dem er sich nicht selbst bekannte. Das zerstörte in dem Knaben
unmerklich aber sicher das eigentliche Glaubensvermögen, und die hingeworfene
Äußerung der Kriegsrätin, dass der Herr Kaplan wohl daran denken möge, Paul
einmal katholisch zu machen, da er ja auch die Frau Baronin bekehrt habe,
brachte diesem frühzeitig den Begriff bei, dass die Religion dem Menschen nicht
angeboren, nicht unzertrennlich Eins mit ihm sei, sondern dass man sie wählen
oder wechseln könne. Sie däuchte ihm wie ein Stand, wie ein Beruf zu sein, den
man sich erwähle, und da Kinder leicht von den Zufälligkeiten des einzelnen
Falles allgemeine Folgerungen ziehen, überraschte Paul eines Tages Seba und
ihren Freund mit der plötzlich ausgesprochenen Erklärung, dass er nicht
katholisch, sondern ein Jude werden wolle.
    Man sah ihn verwundert an und lachte über ihn, wie man über Kinder zu lachen
pflegt, wenn man sich nicht die Mühe nehmen will, ihren Äußerungen
nachzudenken; aber Paul wiederholte seine Erklärung so bestimmt, dass Herbert,
der um Seba's willen sich ihm zugewendet hatte, die Frage an ihn richtete, wie
er darauf komme.
    Sie sagen ja,
