 Kopf zum Fenster hinaus, als sie in das zweite Dorf der
Herrschaft einfuhren.
    Das ist Rotenfeld, sagte der Baron, und wie ein Schleier zog es über seine
Mienen.
    Es war vorbei mit der frohen Erhebung, die ihn noch eben erfüllte. Er hätte
die Augen schließen mögen, um nicht den Weg zu sehen, den er so oft gekommen
war; er hätte es nicht sehen mögen, das kleine Haus am Ende des Dorfes, dessen
schmuckes Ansehen der Baronin auffiel und dessen geschlossene Laden ihrem Manne
das Blut aus den Wangen weichen machten, als Angelika die Frage aufwarf, wem das
Haus gehöre und warum es nicht bewohnt sei.
    Mein Amme hat darin gelebt! antwortete der Baron, und mit plötzlichem
Entschlusse setzte er hinzu: Aber es ist baufällig; ich muss es niederreissen
lassen.
    Angelika war zu sehr beschäftigt, um dies auffallend zu finden, denn die
einzelnen Teile des Schlosses traten immer deutlicher hervor. Der Baron wies
ihr die Fenster der Zimmer, die für sie bestimmt waren; die Grenze des Parkes
wurde erreicht, und man langte noch zeitig genug im Schloss an, um die Reihe
der Gemächer bei Tageslicht zu durchwandern, um die junge Herrin die Aussicht
aus dem Wohnzimmer genießen zu lassen, das der Baron ihr mit den antiken
Statuetten ausgeschmückt hatte, um ihr lebhafte Äußerungen der Freude über ihre
neue Heimat und über die Landschaft um sie her zu entlocken.
 
                                Zehntes Kapitel
Zu einer Wirksamkeit auf ihre Umgebung gehört für eine Frau ein besonderer Sinn.
Gaben des Geistes und Güte des Herzens tun es nicht allein. Es ist dazu eine
Beobachtung nötig, welche das Bedürfen der Andern versteht und errät, und
jener selbstlose gute Wille, der das eigene Bedürfen im Verhältnisse zu dem
fremden nicht überschätzt. Angelika war von einer Mutter erzogen, welche diese
Eigenschaften in hohem Grade besaß und welche es verstand, ihren Gutsinsassen
eine hülfreiche Herrin zu sein, wie sie ihren Kindern eine treffliche Mutter
war. So hatte Angelika es früh gelernt, für Andere zu sorgen, und jetzt, da sich
ihr in Richten ein eigener Wirkungskreis eröffnete, wie ihn ihre Mutter von je
gehabt hatte, fing sie erst an, sich recht als Hausfrau und als Herrin zu
empfinden.
    Die alte Dienerschaft der Familie war ihr zusagender als die Lakaien, welche
der Baron für die Dauer ihres Aufenthaltes in der Hauptstadt angenommen hatte;
die großen, hellen Säle, die man teilweise in ihrer altertümlichen Pracht
belassen, die wohlerhaltenen, schweren und geschnitzten Eichenmöbeln derselben
waren ihr noch lieber als die Zimmer, welche man modisch erneuert, und sie
sprach es bald nach ihrer Ankunft in Richten zuversichtlich aus, dass sie sich
hier nie einsam fühlen könne. Es sei ihr, als lebten alle die verehrten
Vorfahren mit
