 Fritz mit großer Energie.
    »Nun,« lenkte der Professor ein, die auflodernde Empfindung bändigend,
»vorläufig geberden wir uns wie der Mann, welcher Haus und Acker vom Erlös eines
Kalbes kaufte, das ihm noch nicht geboren war. Sei ruhig, Fritz, nicht du, nicht
ich werden die Handschrift herausgeben.«
    »Und niemals werden wir erfahren, was römische Kaiser an Tusnelda und
Tumelicus gefrevelt haben,« sagte Fritz und trat wieder teilnehmend zu dem
Freunde.
    »Aber es sind doch nicht Einzelheiten, welche uns den größten Gewinn
brächten,« begann der Professor ruhiger, »und nicht, dass wir diese missen, macht
uns den Verlust der Handschrift empfindlich. Denn für die Hauptsachen versagen
andere Quellen nicht. Das Wichtigste wäre immer, dass Tacitus der erste und in
mancher Hinsicht der einzige Geschichtschreiber ist, der höchst auffallende,
unheimliche Seiten der menschlichen Natur dargestellt hat. Seine Werke sind uns
zwei geschichtliche Tragödien, Szenen des Julischen und des Flavischen
Kaiserhauses, markerschütternde Bilder der ungeheuren Umwandlung, welche durch
ein Jahrhundert der größte Staat des Altertums, die Seelen der Gehorchenden,
die Charaktere der Herrscher erfahren; die Geschichte einer Tyrannenherrschaft,
welche die edlen Geschlechter vertilgt, eine hohe und reiche Bildung
heraustreibt und verdirbt, vor allem die Herrschenden selbst mit wenigen
Ausnahmen entmenschlicht. Wir haben bis zur Gegenwart kaum ein anderes Werk,
dessen Verfasser so spähend in die Seelen einer ganzen Reihe von Fürsten blickt,
so scharf und genau die Verwüstungen schildert, welche die dämonische Krankheit
der Könige in den verschiedensten Naturen hervorgebracht hat.«
    »Mich hat immer geärgert,« sagte der Doctor, »wenn man ihm vorwarf, dass er
zumeist Kaiser- und Hofgeschichte geschrieben. Wer darf Trauben von einer
Cypresse verlangen und behagliche Freude an dem großartigen Staatsleben von
einem Manne, der durch einen großen Teil seines Mannesalters täglich Messer und
Giftbecher eines wahnsinnigen Despoten vor seinen Augen sah.«
    »Ja,« fuhr der Professor beistimmend fort, »er gehörte zu den Aristokraten,
deren Häupter hoch über die Menge herausragen, eine Körperschaft, unfähig zum
Regieren, unwillig im Gehorsam. In dem Gefühl einer bevorzugten Stellung waren
sie die unentbehrlichen Diener, die stillen Feinde und Rivalen der Fürsten, in
ihnen bildeten sich die Tugenden und Laster einer gewaltigen Zeit zu ungeheuren
Erscheinungen. Wer sollte die Geschichte römischer Fürsten schreiben als ein
Mann aus diesem Kreise? Durch Palastintriguen und stillen Einfluss dunkler
Nebengestalten entwickeln sich die Tatsachen, die schwärzeste Missetat
verbirgt sich hinter den steinernen Wänden des Palastes, das Gerücht, das leise
Gemurmel des Vorzimmers, der lauernde Blick versteckten Hasses sind oft die
einzigen Quellen des Geschichtschreibers. Uns bleibt vor solcher Zeit nichts
übrig, als bescheiden das Urteil des Mannes zu schätzen, der uns von
