 sollten, dass wir
nur unter Bedingungen leben, wie alles Andere auf Erden und am Himmel. Zahllose
Kräfte, fremdartige Gewalten sind um uns in unaufhörlicher Arbeit, jede nach
festen ihr eigenen Gesetzen wirkend, auch unser Leben erhaltend, tragend,
beschädigend. Die Kälte, welche den Kreislauf des Blutes hemmt, die einbrechende
Woge, in welcher der menschliche Leib versinkt, der schädliche Dampf des Bodens,
der den Ahtem vergiftet, sie sind keine zufälligen Erscheinungen, die Gesetze,
in deren Zwange sie auf uns eindringen, sind ebenso uralt und ebenso heilig als
unser Bedürfnis nach Speise und Trank, nach Schlaf und Licht. Und wenn der
Mensch seine Stellung unter den Gewalten der Erde erwägt, so heißt leben nichts
Anderes als tätig gegen sie kämpfen und denkend sie verstehen. Wer das Brot
schafft, das uns nährt, und das Holz zieht, das uns wärmt, jede nützliche
Tätigkeit hat keinen anderen Zweck, als uns zu verteidigen und stärker zu
machen durch freundliche Benutzung oder Überwindung dieser Mächte. Schon bei
dieser Arbeit merken wir, dass zwischen jeder lebendigen Regung in der Natur und
in unserem eigenen Geiste eine geheime Verbindung ist, und dass alles Lebendige,
wie feindlich es im Einzelnen sich befehde, doch zusammen eine große,
unermessliche Einheit bildet. Und Ahnung und Gedanke dieser Einheit sind zu allen
Zeiten das Herrlichste gewesen, was der Mensch in sich hervorzurufen vermochte.
Deshalb ist dem Menschen die zweite Aufgabe geworden, eine unwiderstehliche
Sehnsucht und ein unwiderstehlicher Trieb, den innern Zusammenhang dieser
Lebensgewalten zu erfassen. Und das ist es, was uns fromm macht. - Nicht bei
jedem Menschen ist die Arbeit die gleiche, aber das Ziel ist dasselbe. Die warme
Empfindung des einen ahnt ewige Vernunft in Allem, was ihm unbegreiflich
erscheint, und er nennt diese in kindlichem Vertrauen mit dem ehrwürdigsten und
herzlichsten Namen. Und wieder andere suchen emsig die einzelnen Gesetze und
Kräfte des Lebens zu beobachten und ihren großen Zusammenhang ehrfurchtsvoll zu
verstehen, und diese sind es, welche der Wissenschaft dienen. Wer glaubt und wer
forscht, beide tun im Grunde dasselbe, sie üben die höchste Bescheidenheit,
denn sie empfinden, dass alles einzelne Leben, eigenes und fremdes, unendlich
klein ist gegen das große Ganze. Und wer, vom Blitzstrahl getroffen, noch zu
glauben vermöchte, ich gehe zum Vater, und wer in solchem Augenblick mit
Interesse zu beobachten vermöchte, wie sein Nervenleben aufhört, sie haben beide
ein gottseliges Ende.«
    So sprach der Professor vor der geborstenen Fichte, die letzte Äußerung
Ilse's im Herzen. Die Kinder hörten dem kräftigen Tonfall seiner Worte ein
Weilchen zu, dann wurde ihnen die Sache lang, Hans fuhr den Schwestern mit
seinem Nadelzweige in die Ärmel, sie schlugen mit ihrer
