
gehen, und bot ritterlich der Frau Oberamtmann seinen Arm über die Sophalehne.
Die Dame knixte und fuhr neben ihm durch die Tür, der Professor führte Ilse,
der Doctor aber Schwester Klara, welche errötete und sich sträubte, bis er
Luise und Riekchen an seinen andern Arm hing, worauf auch noch Franz seinen
Rockzipfel fasste und ihm auf dem Wege hinter seinem Rücken zuraunte: »Heut
gibt's einen Trutahn.« Der Oberamtmann aber, welcher das Führen der Damen als
eine lästige Erfindung betrachtete, machte einsam den Schluss und begrüßte im
Saale die aufgestellten Herren von der Wirtschaft mit den Worten: »Ist das Korn
herein?« - »Versteht sich,« grüßte der Inspector dagegen. Wieder nahm Alles nach
Rang und Würden Platz, auf dem Ehrensitz die Frau Oberamtmann, zwischen ihr und
Ilse der Professor.
    Es war für diesen kein ruhiger Mittag, zwar Ilse war stiller als gewöhnlich,
aber seine neue Nachbarin stellte ihm wissenschaftliche Aufgaben. Sie zwang ihn,
von der Einrichtung seiner Universität zu erzählen, und in welcher Weise die
Studenten belehrt würden. Der Professor tat das ausführlich und mit guter
Laune. Es gelang ihm aber nur kurze Zeit, sich und Andern die peinliche
Empfindung fern zu halten, welche die Reden der Frau Oberamtmann wohl
verursachten. »Also philosophisch sind Sie?« sagte die Rollmaus. »Das ist ja
sehr interessant. Ich habe es auch mit der Philosophie versucht, aber der Stil
ist zu unverständlich. Was enthält denn eigentlich die Philosophie?«
    »Sie gibt sich Mühe, die Menschen über das Leben ihres eigenen Geistes zu
belehren und dadurch fester und vielleicht besser zu machen,« beantwortete der
Professor geduldig die missliche Frage.
    »Das Leben des Geistes,« rief die Oberamtmann aufgeregt, »aber glauben Sie
denn auch, dass die Geister nach dem Tode der Menschen erscheinen können?«
    »Haben Sie Beispiele davon?« frug der Professor. »Es würde gewiss Allen
willkommen sein, darüber zu hören. Ist dergleichen hier in der Gegend
vorgekommen?«
    »Weniger mit Geistern,« erwiderte Frau Oberamtmann, misstrauisch nach dem
Hausherrn blickend, »aber mit Ahnungsvermögen und was man Sympatie nennt.
Denken Sie einmal, in unserm Hause diente ein Mädchen, sie hätte es nicht nötig
gehabt, aber die Eltern wollten sie auf einige Zeit von sich tun. Denn im Dorfe
war ein armer Bursch, der aber ein großer Geiger war, der strich Morgens und
Abends mit der Violine um ihr Haus, und wenn das Mädchen hinauskommen konnte,
saßen sie miteinander hinter einem Busch, er spielte auf der Geige und sie hörte
zu. Deswegen konnte sie nicht von ihm lassen. Sie war ein sauberes Mädchen und
schickte sich im Hause zu
