 bin zu einem schwachen
Träumer geworden,« rief er, »unwert der Hingabe dieses reinen Lebens, und ich
fühle, was ein Mann nie fühlen sollte, ich fühle Scham, mein gutes Weib
wiederzusehen.« Er wandte sein Angesicht ab.
    »Zu hoch gespannt ist dies Empfinden,« entgegnete Raschke, »zu hart der
Vorwurf, den Sie jetzt zürnend gegen sich selbst erheben. Sie wurden durch
listige Winkelzüge Weltkluger getäuscht. Sie selbst haben ausgesprochen, dass es
ruhmlos leicht ist, uns da zu hintergehen, wo wir nicht viel klüger sind als die
Kinder. Werner, noch einmal bitte ich, reisen Sie mit mir zugleich ab, wenn auch
auf anderem Wege.«
    »Nein,« versetzte kurz der Gelehrte. »Ich habe mein Lebelang die Beziehungen
zu anderen Menschen reinlich behandelt. Halbheit in Neigung und Abneigung ist
mir unerträglich. Fühle ich Neigung, so soll mein Händedruck und das Vertrauen,
das ich gebe, den Andern keinen Augenblick in Zweifel lassen, wie mir um's Herz
ist. Muss ich ein Verhältnis lösen, auch da habe ich die Rechnung stets ganz und
voll geschlossen. Jetzt kann ich nicht aufbrechen wie ein Flüchtling.«
    »Wer fordert das?« frug Raschke, »nur wie ein Mann, der die Augen abwendet
von hässlichem Gewürm, das vor ihm auf dem Boden kriecht.«
    »Hat das Gewürm den Mann geschädigt, so ist ihm Pflicht zu verhüten, dass das
Schädliche auch Andern gefährlich wird, und kann er Andere nicht behüten, er
wird sich selbst genug tun, wenn er seinen Weg säubert.«
    »Wenn ihm aber der Versuch neue Gefahr bringt?«
    »Er wird doch tun, was er vermag, sich selbst zu genügen,« rief Werner.
»Das Recht, welches ich erhalten habe gegen Einen, ich lasse mir's nicht rauben.
Die Kränkung meines Weibes mahnt, es mahnt das verlorene Leben eines Gelehrten,
um welches wir beide trauern. Sagen Sie mir nichts mehr. Freund, mein
Selbstgefühl hat in diesen Tagen große Schädigung erfahren, und mit Recht. Ich
fühle meine Schwäche mit einer Bitterkeit, die gerechte Strafe ist für den
Stolz, mit dem ich auf das Leben Anderer gesehen. Ich habe an Struvelius
geschrieben, ich habe ihn um Verzeihung gebeten, dass ich die kleine
Unsicherheit, die einst ihn störte, so hochmütig empfand. Hier ist der Brief an
den Kollegen; ich bitte Sie, die Zeilen abzugeben und ihm zu sagen, wenn wir uns
wiedersehen, dann soll kein Wort über das Vergangene von unsern Lippen fallen,
nur er soll wissen, wie schwer ich dafür gebüßt habe, dass ich gegen ihn hart
war. Aber wie sehr ich die
