 zu uns gehört, sich mutwillig Alles
zerstören kann, was seinem Leben Halt und Adel gibt. Wie vermag ein Mann von
Ihren Kenntnissen in so roher Weise gegen seine Wissenschaft untreu zu werden?«
    »Ich war arm und mein Leben voll Plage,« versetzte Knips leise.
    »Ja, Sie waren arm, seit Ihrer frühen Jugend haben Sie vom Morgen bis zum
Abend gearbeitet, schon als Kind haben Sie auf Vieles verzichtet, was Andere
gedankenlos genießen. Sie haben dafür das stille Bewusstsein erworben, dass Sie
sich heraufrangen zu innerer Freiheit und zu demütiger Freundschaft mit dem
großen Geist unseres Lebens. Ja, Sie wuchsen zum Mann unter zahllosen Opfern und
Entsagungen, welche Andere fürchten. Sie haben dafür gelernt und gelehrt, was
der höchste Besitz des Menschen ist. Vor jeder Korrectur, die Sie hilfreich für
Andere lasen, vor jedem Wörterverzeichnis, das Sie zu einem Klassiker auszogen,
haben Sie bei den Worten, die Sie verbesserten, bei den Zahlen, die Sie
schrieben, das Bedürfnis gehabt, wahr zu sein. Gerade Ihre Tagesarbeit war ein
unablässiger, emsiger Kampf gegen das Falsche und Unrichtige. Doch mehr als das
und schlimmer als das, Sie sind kein gedankenloser Lohnarbeiter gewesen, Sie
haben ganz und voll zu uns gehört, Sie waren in der Tat ein Gelehrter, bei
dessen Wissen sich oft Anspruchsvollere Rat erholten, Sie bargen nicht nur eine
Masse einzelner Kenntnisse in Ihrem Geist, Sie verstanden auch sehr wohl, welche
Gedanken aus solchem Wissen aufsteigen. Das alles waren Sie, und doch ein
Fälscher. Ganz treue Hingabe und Selbstverleugnung und dicht daneben frevelhafte
Willkür; ein zuverlässiger und emsiger Gehilfe und dazwischen ein Betrüger,
dreist und höhnend wie ein Teufel.«
    »Ich war ein gequälter Mann,« begann Knips, »wer anders gelebt hat, weiß
nicht, wie schwer es ist, immer in seiner Wissenschaft zu dienen und fremden
Füßen nachzutreten. Sie haben nie für Andere, die weniger wissen als Sie,
gearbeitet. Sie verstehen nicht, welches Gefühl es gibt, wenn die Anderen
hochfahrend benutzen ohne Anerkennung und ohne Dank, was man ihnen von seinem
Wissen gegeben hat. Ich bin nicht unempfindlich gegen Freundlichkeit. Der Herr
Professor war der erste, welcher bei dem ersten Autor, den Derselbe herausgab,
in den letzten Zeilen der Einleitung meinen Namen genannt hat, weil ich
Denenselben bei der Arbeit gedient. Und doch habe ich weniger für Sie getan als
für jeden andern meiner alten Gönner. Das Exemplar, welches Sie mir damals
geschenkt, habe ich unter meine Bücher auf den Ehrenplatz gestellt. Sooft ich
müde wurde von der Nachtarbeit, habe ich diese Zeilen gelesen. Dergleichen
Freundlichkeit habe ich selten erfahren. Aber ich habe die Qual gefühlt, mehr zu
wissen
