 Notizen einschrieb und das Bündel schnürte, trat der Professor hinaus
in das Freie. Draußen hatte längst das Tagewerk begonnen, Beamte und Gespanne
waren auf das Feld gezogen, geschäftig eilte der Hofverwalter um die offenen
Scheuern, die Schafe drängten sich blökend vor dem Stall zusammen, von den
Hunden umkreist.
    Die Landschaft glänzte im Licht eines wolkenlosen Himmels. Über dem Boden
schwebte noch der Dämmer, welcher das Licht der deutschen Sonne auch an hellen
Morgen bändigt und mit seinem Grau versetzt. Noch warfen Häuser und Bäume lange
Schatten, die Kühle der tauigen Nacht haftete an den schattigen Stellen und die
kleinen Luftwellen trieben bald die Wärme des jungen Tageslichts, bald den
erfrischenden Hauch der Nacht dem Gelehrten an die Wange.
    Er schritt um die Gebäude und den Hofraum, um sich die Stätte zu begrenzen,
die er von jetzt als eine fremdartige Erinnerung in der Seele tragen sollte. Die
Menschen, welche hier wohnten, hatten ihm zögernd ihr Wesen aufgeschlossen,
Manches in diesem einfachen Leben zwischen Haus und Flur erschien ihm lieb und
begehrenswert. Was hier Tätigkeit gab, Eindrücke und Willen, das konnte er zum
größten Teil mit seinen Augen übersehen, denn die Aufgaben für jedes Leben, die
Pflichten des Tages wuchsen aus dem Hofe und den Beeten der Landschaft, nach der
Ackerscholle formten sich die Ansichten über das Fremde, beschränkte sich das
Urteil. Und lebhaft empfand er, wie tüchtig und glücklich die Menschen leben
konnten, denen das eigene Sein so fest verwachsen war mit der Natur und den
uralten Bedürfnissen der Menschen. Er selbst aber, welch andere Gewalten
regierten sein Leben! Er wurde geführt durch tausend Einwirkungen alter und
neuer Zeit, nicht selten durch Gestalten und Zustände der fernsten
Vergangenheit. Denn was der Mensch treibt, ist ihm mehr als vergängliche Arbeit
des Tages, und Alles, was er getan, wirkt als ein Lebendiges in ihm fort; der
Naturforscher, welchen die Sehnsucht nach einer seltenen Pflanze auf die steile
Höhe führt, von der er den Rückweg nicht findet, der Soldat, den die Erinnerung
an alte Kampfaufregung in neue Schlachten wirft, sie werden geleitet durch die
Gewalt der Gedanken, welche ihre Vergangenheit in ihnen lebendig gemacht hat. -
Natürlich! der Mensch ist kein Sklave dessen, was er gelebt hat, wenn er sich
nicht dazu erniedrigt; sein Wille ist frei, er wählt, was er mag, und zerwirft,
was er nicht bewahren will. Aber die Gestalten und Bilder, welche einmal in
seine Seele gefallen sind, arbeiten doch unablässig ihn zu leiten, oft hat er
sich gegen ihre Herrschsucht zu wehren, in tausend Fällen folgt er fröhlich
ihrem leisen Zuge. Alles was war und Alles was ist, das lebt über seine
Erdentage hinaus fort in jedem neuen Dasein
