 mit sicherem Selbstgefühl, ja auch selten mit der
festgegründeten Stellung, deren eine politische Kraft bedarf. Zu häufig ist das
Schwanken zwischen unzufriedenem Trotz und übergrosser Fügsamkeit, hoch fliegt
die Begehrlichkeit, zu klein ist der Opfermut. Überall hat der Wohlstand
zugenommen, wer dürfte das leugnen? Nicht in demselben Masse das Verständnis für
die höchsten Angelegenheiten der Nation.«
    »Die Lebenden kommen herauf,« erwiderte der Gelehrte, »die Söhne werden
sicherer und freier stehen, auch auf diesem Gebiet gehört unsere Zukunft denen,
welche emsig arbeiten.«
    »Vieles mag verloren gehen,« sagte der Obersthofmeister, »bevor die
Steigerung, welche Sie erwarten, so groß wird, dass sie den Aufstrebenden Anteil
an der Herrschaft verschafft. Ich bin zu alt, mich von Hoffnungen zu nähren,
deshalb vermag ich Ihre lichtvolle Auffassung unserer Lage mir nicht anzueignen.
Ich wünsche unserer Nation Gutes, woher es auch komme, ich weiß, sie hat
Aergeres überstanden als das gegenwärtige Hängen zwischen einer niedersteigenden
und einer aufsteigenden Bildung. Aber ich fühle, dass die Luft, in der ich lebe,
immer schwüler wird, die Spannung der Gegensätze gefährlicher. Wenn ich
zurücksehe auf ein langes Leben, so graut mir zuweilen vor dem Siechtum, das
ich geschaut. Es war keine Zeit riesiger Laster, wie Ihre Kaiserperiode, aber es
war eine Zeit, in welcher nach kurzem poetischen Traum die Schwäche dürftiger
Seelen herrschte und verdarb. Die Gestalten, welche in dieser Zeit verkommen
sind, werden der Nachwelt nicht fürchterlich erscheinen, aber grotesk und
verächtlich. Sie, Herr Professor, leben in einem neuen Zeitalter, wo sich ein
jüngeres Geschlecht unbehilflich müht, heraufzukommen. Mir fehlt Empfänglichkeit
für die neue Art, und mir fehlt der Mut zu hoffen, denn mir fehlt jede
Fähigkeit, die Jüngern bildend zu fördern.«
    Er war aufgestanden. Der Greis und der jugendfrische Mann, der Diplomat und
der Gelehrte standen einander gegenüber, der Eine Sprecher für die Welt, welche
sich abwärts neigte, der Andere Verkünder der Lehren, welche unablässig die alte
Welt erneuen. Auf dem ruhigen Antlitz des Alten lag stille Trauer, in den
geistvollen Zügen des Jüngern arbeitete kräftig die Empfindung, ein hoher Sinn
und ein feiner Geist schaute aus den treuen Augen Beider.
    »Was wir einander zu sagen hatten,« fuhr der Obersthofmeister fort, »ist
gesagt. Ich habe versucht gut zu machen, was ich gegen Sie versehen, möge Ihnen
die geschwätzige Offenheit, mit der ich mich Ihrem Urteil hingab, eine kleine
Genugtuung dafür sein, dass ich zu lange gegen Sie schwieg. Es ist die beste
Genugtuung, die ich einem Manne Ihrer Art zu geben weiß. Was die krankhafte
Stimmung Anderer betrifft, von welcher wir ausgingen,
