 ausreicht, Charaktere zu bilden, wie sie vielleicht die
Gegenwart braucht, er machte doch das Leben gefällig und schön. Was einst häufig
war an den Höfen und den Geschäften, sicheres Gefühl der Überlegenheit,
graziöse Herrschaft über Andere, das müssen wir entbehren. Die Diplomatie hat
aufgehört, vornehm zu sein. Man brüskirt, man aventurirt, nicht nur der Adel der
Gesinnung, sogar der anmutige Schein desselben fehlen, an den Höfen hat
unsichere Kleinlichkeit, ein mürrisches, gereiztes, abschliessendes Wesen über
Hand genommen, in der Diplomatie Ungezogenheiten und Leichtsinn ohne Kenntnisse
und ohne männlichen Willen. Unsere Prinzen klirren als bewaffnete Müßiggänger
einher, die alte Hofzucht ist verloren, man fühlt sich haltlos auf der Defensive
und sucht in törichten Übergriffen sein Heil. Es ist schwer, sich die
Empfindung fern zu halten, dass es mit diesem Treiben unaufhaltsam abwärts gehe.«
    Der Professor lächelte über die Trauer des alten Herrn.
    »Ich verdenke Ihnen nicht,« fuhr der Obersthofmeister fort, »wenn Sie das
Unglück dieser Verwandlung weniger schmerzlich empfinden als ich. Es ist nur
schade, dass es immer noch die höchsten irdischen Interessen sind, mit welchen in
solcher Weise gespielt wird.«
    »Ist denn aber das Unglück so allgemein?« versetzte der Professor.
    »Unserem vielgestaltigen Leben fehlt es nicht an glänzenden Ausnahmen,«
sagte der Obersthofmeister. »Es war uns auch in der Zeit, wo wir vor der Welt
die größten Trauerspiele aufführten, noch vergönnt, hier und da eine heitere
Novelle ins Leben zu rufen. Kaum jemals hat es uns ganz an einem Lande gefehlt,
welches die fünf Charaktere eines guten Hofes in dauerndem Zusammenleben
vereinte: einen geradsinnigen Herrn, eine liebenswürdige Fürstin, einen
hochgesinnten Staatsmann, eine geistreiche Hofdame und unter den Kavalieren
einen überlegenen Geist. Aber die Stätten sind selten geworden.«
    »Waren sie jemals häufig?«
    »Sie waren in der Zeit, aus welcher meine ersten Erinnerungen stammen, der
Stolz unserer Nation,« versetzte der Obersthofmeister.
    »Gerade in jener Zeit haben wir auch Anderes gewonnen, worauf wir noch jetzt
stolz sind,« entgegnete der Gelehrte. »Es waren kurze Jahrzehnte, in welchen die
Höfe für Pflegestätten der freiesten Zeitbildung galten, und nur durch die
seltsamen politischen Schicksale unseres Volkes ist diese Führerschaft möglich
geworden. Jetzt ist sie auf andere Kreise übergegangen und für die vornehme
Bildung Einzelner haben wir die vermehrte Tüchtigkeit Vieler eingetauscht.«
    »Auch hierbei ist ein Verlust,« rief der Obersthofmeister, »dass vornehme
Naturen überhaupt selten geworden sind. Ich bin bereit, die großen Fortschritte
anzuerkennen, welche das Bürgertum in den letzten fünfzig Jahren gemacht hat.
Aber die Tüchtigkeit, welche das Volk in Erwerb und Verkehr entwickelt, ist zu
selten verbunden
