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Die Lage, in welche wir versetzt sind, ist wie aus einem fremden Jahrhundert,
sie steht in furchtbarem Gegensatz zu der heitern Sicherheit, womit wir das
eigene Leben und die Seelen unserer Zeitgenossen betrachten.«
    »Heitere Sicherheit?« frug der Obersthofmeister traurig. »An Höfen
wenigstens dürfen Sie diese nicht suchen, und nirgend, wo der Einzelne aus dem
Privatleben heraustritt. Heitere Sicherheit! Auch ich möchte fragen, ob wir aus
Einem Jahrhundert sind. Schwerlich hat es eine Zeit gegeben, wo so Vieles
unsicher, das Alte so abgelebt und das Neue so schwach war.«
    Der Professor hob erstaunt das Haupt bei der lauten Klage des Greises.
    Der Obersthofmeister fuhr zürnend fort: »Ich höre überall von den
Hoffnungen, die man im Volke hat, ich sehe häufig ein junges burschikoses
Vertrauen. Es ist freilich noch weit von gereifter Kraft, aber ich verarge einem
gemütvollen Manne nicht, wenn er darauf Hoffnungen setzt. Ja, ich darf
einräumen, dass dieser jugendliche Mut in der Tat die beste Hoffnung ist,
welche wir haben. Aber ich bin ein alter Mann, ich vermag dies Neue nirgend, wo
es über die Interessen des Privatlebens hinausstrebt, bedeutend zu finden. Ich
fühle die Abnahme der Lebenskraft in der Luft, welche mich umgibt. Meine Jugend
fällt in eine Zeit, wo die beste Bildung der Nation den Höfen nahestand; meine
eigenen Vorfahren haben durch sechs Jahrhunderte an den Torheiten und
Verbrechen, aber auch an dem Stolz ihrer Zeit eifrig Teil genommen, ich bin zum
Manne erwachsen in der Vorstellung, dass Fürsten und Adel die geborenen Führer
der Nation sind. Ich sehe mit Trauer, dass sie auf lange, vielleicht für immer
diese Führung verlieren. Manches, was Sie neulich erzählten, passt genau auf die
letzten Jahrzehnte, welche ich durchlebt. Es war eine schmerzvolle Zeit. Die
dumpfe Schwäche im Leben des Volkes hat am meisten auf den Höhen verwüstet. Auch
da hat es nicht an einzelnen ehrenwerten und kräftigen Männern gefehlt. Welche
Zeit hätte sie ganz entbehrt? Aber, was die edelste Blüte der Volkskraft sein
sollte, das ist gerade in dieser leeren und schalen Zeit am tiefsten erkrankt.«
    Der Professor warf ein: »Ist Grund zur Trauer, wo vielleicht der Einzelne
verliert, das Ganze gewonnen hat?«
    »Zuverlässig nicht,« versetzte der Hofmann, »wenn nur der Gewinn für das
Ganze so sicher stünde. Aber mit Erstaunen sehe ich, dass gerade die größten
Angelegenheiten der Nation von allen Seiten schülerhaft klein betrieben werden.
Vieles Wertvolle ist verloren, Besseres nicht gewonnen. Die Feinheit der
Empfindung, welche sich sonst in allen Formen des Verkehrs sehr wohltuend
ausdrückte, vorsichtige Behandlung wichtiger Geschäfte werden selten. Wenn
dieser Vorzug nicht
