 Krankheit der
römischen Imperatoren sprechen, möchte ich entgegnen, dass sie nur Folge einer
ungeheuren Erkrankung der Völker ist, obgleich ich sehr wohl einsehe, dass sich
während diesem Verderb der Einzelnen ein großer Fortschritt des
Menschengeschlechts vollzogen hat, die Befreiung der Völker aus abschliessendem
Volkstum zu einer Cultureinheit, und der neue Idealismus, welcher durch das
Christentum auf die Erde kam.«
    »Zuverlässig ist die Form des Staates und die Form der Bildung, welche die
einzelnen Kaiser vorfanden, entscheidend für ihr Leben gewesen. Jedermann ist in
diesem Sinne Kind seiner Zeit, und wenn es gilt, das Maß ihrer Schuld zu
bestimmen, dann wird vorsichtiges Abwägen ziemen. Aber was ich die Ehre hatte,
Sr. Hoheit als besonderen Vorzug des Tacitus anzuführen, ist auch nur die
Meisterschaft, mit welcher er die eigentümlichen Symptome und den Verlauf des
Cäsarenwahnsinns schildert.«
    »Sie waren alle wahnsinnig,« unterbrach der Fürst mit heiserer Stimme.
    »Verzeihung, gnädiger Herr,« entgegnete der Professor arglos. »Augustus
wurde auf dem Throne ein besserer Mann, und nach der Zeit, in welcher Tacitus
schrieb, haben noch manche gute und massvolle Herrscher gelebt. Etwas von dem
Fluch, welchen übel beschränkte Macht auf die Seelen ausübte, mag an der
Mehrheit der römischen Kaiser erkennbar sein. In den besseren aber lag er wie
eine Kränklichkeit, welche, nur selten bemerkbar, immer wieder durch Tüchtigkeit
oder gute Natur gebändigt wurde. Eine Anzahl freilich verdarb durchaus, und in
ihnen entwickelte sich die Krankheit nach einer bestimmten Stufenfolge, deren
innere Gesetzlichkeit wir wohl begreifen.«
    »Sie wissen also auch, wie den Leuten zu Mute war?« fuhr der Fürst auf, den
Professor scheu anblickend.
    Der Obersthofmeister trat in eine Fensternische.
    »Der Verlauf der Krankheit ist im Allgemeinen nicht schwer zu verfolgen,«
versetzte der Professor, erfüllt von seinem Gegenstande. »Die Übernahme der
Regierung wirkt zunächst erhebend. Der höchste Erdenberuf steigert auch
beschränkte Menschen wie den Klaudius, verdorbene Buben wie den Kaligula, Nero
und Domitian während der ersten Wochen zu einem gewissen patetischen Adel.
Lebhaft ist das Bestreben, zu gefallen, beflissen die Arbeit, sich durch Gnade
festzusetzen; die Scheu vor einflussreichen Persönlichkeiten oder vor dem
Widerstreben der Masse zwingt zur Vorsicht. Die Herrschaft aber hat den Menschen
zum Sklaven gemacht, und der Sklavensinn trägt eine Verehrung entgegen, welche
den Kaiser äußerlich über andere Menschen hinausstellt, er ist von den Göttern
besonders begnadigt, ja seine Seele ein Ausfluss der göttlichen Kraft. In dieser
knechtischen Unterwürfigkeit Aller und der Sicherheit der Herrschaft wuchert
bald der Egoismus. Die zufälligen Forderungen eines ungebändigten Willens werden
rücksichtslos, die Seele verliert allmählich das Urteil über Bös und Gut, der
persönliche Wunsch erscheint dem Regierenden sofort als
