, wie seitdem selten in
der Geschichte.«
    »Den Herren Gelehrten aber macht es besondere Freude, diese Leiden früherer
Herrscher ans Licht zu stellen?« frug der Fürst.
    »Sie sind gewiss lehrreich für alle Zeiten,« fuhr der Professor sicher fort,
»denn sie prägen durch furchtbare Beispiele die Wahrheit ein, dass der Mann, je
höher er steht, um so stärkere Schranken nötig hat, welche die Willkür seines
Wesens bändigen. Ew. Hoheit freies Urteil und reiche Erfahrung werden schärfer
als Jemand aus meinem Lebenskreise beobachten, dass diese Krankheitserscheinungen
sich stets da zeigen, wo der Regierende weniger zu scheuen und zu ehren hat als
ein anderer Sterblicher. Was den Menschen in gewöhnlicher Lage gesund erhält,
ist doch nur, dass ihm eine strenge und unablässige Kontrole seines Lebens in
jedem Augenblick fühlbar wird, seine Freunde, das Gesetz, die Interessen Anderer
umgeben ihn von allen Seiten, sie fordern gebieterisch, dass er Denken und Wollen
der Ordnung füge, durch welche Andere ihr Gedeihen sichern. Zu jeder Zeit ist
die Gewalt dieser Fesseln bei dem Regenten minder stark; was ihn einengt, vermag
er leichter niederzuwerfen, eine ungnädige Handbewegung scheucht den Warnenden
für immer von seiner Seite, vom Morgen bis zum Abend ist er mit Personen
umgeben, welche ihm bequem sind, ihn mahnt kein Freund an seine Pflicht, ihn
straft kein Gesetz. Hundert Beispiele lehren, dass frühere Herrscher selbst bei
großen äußeren Erfolgen an innerer Verwüstung litten, wo nicht eine starke
öffentliche Meinung und kräftige Teilnahme des Volkes am Staat sie unablässig
zwang, sich selbst zu behüten. Es liegt nahe, an die riesengrosse Kraft eines
Feldherrn und Eroberers zu denken, den die Erfolge und Siege des eigenen Lebens
ins Wüste und Masslose getrieben haben, er war ein furchtbarer Phantast geworden,
Lügner gegen sich selbst, Lügner gegen die Welt, bevor er gestürzt wurde, und
lange bevor er starb. Doch dergleichen zu untersuchen, ist, wie gesagt, nicht
mein Beruf.«
    »Nein,« sagte der Fürst tonlos.
    »Die entfernte Zeit,« begann der Obersthofmeister, »welche Sie im Auge
haben, war aber nicht nur für die Regenten, auch für die Völker eine traurige
Epoche. Wenn mir recht ist, war das Gefühl des Absterbens allgemein, auch
bewunderte Schriftsteller taugten nicht viel, mir wenigstens sind solche Männer
wie Apulejus und Lucian als eitle und kläglich gemeine Menschen erschienen.«
    Der Professor sah überrascht auf den Hofmann.
    »In meiner Jugend las man dergleichen häufiger,« fuhr dieser fort. »Ich
verdenke den Besseren jener Zeit nicht, wenn sie sich mit Widerwillen von
solchem Treiben abwandten und sich in das engste Privatleben oder in die
tebanische Wüste zurückzogen. Deshalb, wenn Sie von einer
