
und freudig, »denn der Römer Tacitus ist in gewissem Sinne ein
Hofschriftsteller, Mittelpunkt seiner Erzählung sind die Charaktere der Kaiser,
welche in dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Geschicke der alten
Welt bestimmt haben. Es ist freilich im Ganzen ein trübes Bild.«
    »Er ist ein Schriftsteller der Unzufriedenen?« sagte der Fürst.
    »Er ist der große Berichterstatter Üüber eine eigentümliche Verbildung der
Charaktere, welche bei den Herren der antiken Welt eintrat, wir verdanken ihm
eine Reihe von psychologischen Schilderungen der Krankheit, welche sich damals
auf dem Throne entwickelte.«
    »Das ist mir neu,« versetzte der Fürst, sich auf seinem Stuhl bewegend.
    »Ew. Hoheit würden, ich bin überzeugt, mit dem größten Anteil die
verschiedenen Formen dieser Seelenkrankheit betrachten, und Höchstdieselben
würden in andern Zeiträumen der Vergangenheit, ja in früheren Zuständen unseres
eigenen Volkes viele bedeutsame Seitenbilder finden.«
    »Sie nehmen also eine besondere Krankheit an, welche nur die Regenten
befällt?« frug der Fürst, »die Mediciner werden Ihnen für diese Entdeckung
besonderen Dank wissen.«
    »In der Tat,« rief der Professor eifrig, »ist die furchtbare Bedeutung
dieser Erscheinung noch viel zu wenig gewürdigt, keine andere hat auf das
Schicksal der Nationen so unermesslichen Einfluss geübt. Was Pest und Krieg
verdarben, ist wenig gegen die verhängnisvolle Verwüstung der Völker, welche
durch dies besondere Leiden der Herrscher angerichtet wurde. Denn diese
Krankheit, welche noch lange nach Tacitus unter den römischen Imperatoren
wütete, ist kein Leiden, welches auf das alte Rom beschränkt war, sie ist
zuverlässig so alt, wie die Despotien des Menschengeschlechts, sie befiel auch
später in den christlichen Staaten zahlreiche Herrscher, sie brachte in jeder
Zeit anders geformte, groteske Gestalten hervor, sie war durch Jahrtausende der
Wurm, welcher, in der Hirnschale eingeschlossen, das Mark des Hauptes verzehrte,
das Urteil vernichtete, die sittlichen Empfindungen zerfrass, bis zuletzt nichts
übrig blieb als der hohle Schein des Lebens. Zuweilen wurde es Wahnsinn, den
auch der Arzt nachweisen kann, aber in zahlreichen anderen Fällen hörte die
bürgerliche Zurechnungsfähigkeit nicht auf und der geheime Schaden barg sich
sorgfältig. Es gab Zeiträume, wo nur einzelne festgefügte Seelen sich völlige
Gesundheit bewahrten, und wieder andere Jahrhunderte, wo ein frischer Luftzug
aus dem Volke die Häupter, welche das Diadem trugen, frei erhielt. Ich bin
überzeugt, wer den Beruf hat, die Zustände späterer Zeit genau zu untersuchen,
wird im Grunde denselben Verlauf der Krankheit selbst noch in den milderen
Formen unserer Bildung erkennen. Meinem Leben liegen diese Beobachtungen fern,
auch zeigt der römische Staat allerdings die abenteuerlichsten Formen der
Krankheit, denn dort sind die größten Verhältnisse und eine so mächtige
Entfaltung der Menschennatur in Tugend und Verkehrtheit
