 welche man
sich frei erwählt, Unholdes durch eine leichte Wendung zu vermeiden, den
Geliebten ein fröhliches Herz zwanglos zu öffnen. Wer aber in der kalten Luft
der Geschäfte zu leben verurteilt ist, im Kampf gegen zahllose Ansprüche,
welche einander feindlich kreuzen, der vermag dieses Dasein nur zu ertragen,
wenn er sein Tagesleben mit einer Ordnung umgibt, welche ihm wenigstens eine
gehäufte Last des Unwillkommenen fernhält und die Füchse und Wölfe zwingt, ihre
harten Köpfe zu beugen. Solche Ordnung des Hofes und der Regierung ist kein
vollkommenes Werk, oft wird darüber geklagt, vielleicht wurde Ihnen selbst
Gelegenheit zu bemerken, dass Brauch und Etikette eines Hofes nicht ohne Härte
sind. Dennoch sind sie notwendig. Denn sie erleichtern uns den Rückzug und
erhalten uns in einer gewissen Absonderung, dadurch aber helfen sie uns die
innere Freiheit bewahren.« Ilse sah vor sich nieder.
    »Doch glauben Sie mir,« fuhr der Fürst fort, »auch wir bleiben Menschen, wir
möchten uns gern der Stunde warm hingeben, und mit Solchen, die uns wert
geworden, zwanglos zusammenleben. Wir müssen uns oft bescheiden, und wir erleben
Augenblicke, wo solche Entsagung sehr schwer wird.«
    »Aber innerhalb der Hohen Familie fallen diese Rücksichten doch weg,« rief
Ilse. »Der Vater und seine Kinder, die Geschwister untereinander, diese heiligen
Verhältnisse dürfen niemals gestört werden.«
    Die Miene des Fürsten verfinsterte sich. »Auch sie leiden in der
aussergewöhnlichen Stellung. Man lebt nicht zusammen, man sieht sich weniger
allein, und häufig von Andern beobachtet. Jeder kommt zum Andern aus seinem
besonderen Kreise von Interessen, aus einer Umgebung, die ihn beeinflusst, und
die ihm vielleicht das Zutrauen zu seinen nächsten Verwandten mindert. Mein Sohn
ist Ihnen bekannt. Er hat alle Anlage zu einem gutherzigen offenen Menschen, Sie
werden bemerkt haben, wie argwöhnisch und versteckt er geworden ist.«
    Ilse vergaß kluge Gedanken und fühlte sich wieder ein wenig stolz als
Vertraute.
    »Verzeihung,« rief sie, »das habe ich nie gefunden, er ist nur schüchtern
und zuweilen ein wenig ungelenk.«
    Der Fürst lächelte. »Sie haben neulich eine Ansicht darüber ausgesprochen,
was seiner Zukunft vorteilhaft sein würde. Er soll einmal die Geschäftsführung
großer Familiengüter übersehen, ihm wäre allerdings gut, wenn er die Arbeit des
Landwirts aus eigener Anschauung kennenlernte. Er fühlt sich ohnedies am Hofe
nicht wohl.« Ilse nickte mit dem Kopfe. »Auch das haben Sie schon bemerkt?« frug
der Fürst heiter.
    Ich will meinem Prinzen doch Gutes raten, dachte Ilse, wenn es ihm auch
nicht ganz bequem ist. »Dann wage ich zu sagen,« rief sie, »dass jetzt gerade die
beste Zeit gekommen ist
