
mit einem Schrei zurück. Jetzt erhob sie im Bett gellenden Hilferuf, bis ihr
Mädchen herbeistürzte und zitternd das Licht anzündete; das Fräulein wies immer
noch schreiend in eine Ecke, wo die stachlige Gespensterkugel jetzt in ruhiger
Furchtbarkeit verweilte und sich allmählich als ein großer Igel darstellte, der
noch träumerisch von seinem Winterschlaf mit einer Träne an der Nase dasaß. Das
Fräulein wurde vor Schrecken krank. Als der Arzt am frühen Morgen zu ihr eilte,
fand er Lakaien und Kammermädchen in geschlossenem Haufen vor ihrer Tür
versammelt. An der Tür war ein weißes Schild von Pappe befestigt, darauf mit
großen Buchstaben zu lesen: Bettina von Lossau, fürstliche Hofspionin. Wieder
wurde strengste Untersuchung befohlen und wieder wurde der Missetäter nicht
ermittelt.
    Aber der neckende Geist, welcher sich unter dem Schieferdache des Schlosses
einquartirt hatte, trieb nicht nur mit Hof und Dienerschaft seine Possen, er
wagte auch den Professor in gelehrter Arbeit zu stören.
    Ilse saß allein und betrachtete zerstreut die Bilder zu Reineke Fuchs, als
der Lakai die Tür aufriß: »Des Fürsten Hoheit.«
    Der Fürst sah über das aufgeschlagene Bild des Buches: »Das ist also die
Laune, mit welcher Sie unsere Zustände betrachten. Die Satire der Blätter ist
bitter, aber sie enthalten eine unvergängliche Wahrheit.«
    Ilse schloss errötend das Buch. »Die unartigen Tiere sind rohe Egoisten,
das ist bei Menschen doch anders.«
    »Meinen Sie?« frug der Fürst. »Wer darüber Erfahrungen gemacht hat, wird
nicht so wohlwollend urteilen. Die zweibeinigen Tiere, welche ihre Zwecke in
der Nähe des Herrschers verfolgen, sind in der Mehrzahl ebenso rücksichtslos in
ihrer Selbstsucht und ebenso geneigt, ihre Anhänglichkeit zu beteuern. Es ist
nicht leicht, ihre Ansprüche zu bändigen.«
    »Neben einzelnen Argen bilden doch Bessere die Mehrzahl, bei denen das
Tüchtige überwiegt,« wandte Ilse mit bittender Stimme ein.
    Der Fürst neigte artig das Haupt. »Wer Alle übersehen soll, muss die
Beschränktheit jedes Einzelnen lebhaft empfinden, denn er muss wissen, wo und
wieweit er ihm vertrauen darf. Solche Beobachtung fremder Natur, welche stets
bemüht ist, das Wesen von dem Schein zu trennen, die Brauchbarkeit zu prüfen und
dem Beobachter ein überlegenes Urteil zu bewahren, schärft den Blick für die
Mängel Anderer. Es ist möglich, dass wir bisweilen in der Stille streng
urteilen, während Sie, eine Frau mit warmem Gemüt, in die liebenswertere
Schwäche verfallen und das Menschenvolk allzu günstig betrachten.«
    »Dann ist mein Loos doch glücklicher,« rief Ilse und sah den Fürsten mit
ehrlichem Kummer an.
    »Es ist schöner und beglückender,« sagte dieser mit Empfindung, »sich ohne
Zwang seinem Gefühl hinzugeben, arglos mit den Wenigen zu verkehren,
