 wählen dürfen, umgibt sie vom ersten Tage ihres Lebens
bis zum letzten. Dass sie nicht stärker und freier sind, rührt zum großen Teil
von der engen Atmosphäre, in welche sie durch die Etikette gebannt sind. Das ist
ein Unglück nicht nur für sie selbst, ist für uns alle ein Leiden, dass unsere
Fürsten so häufig die bürgerliche Gesellschaft mit den Augen eines Kammerjunkers
betrachten. Diesen Übelstand mag man als Mitlebender schmerzlich fühlen. Und
ich meine allerdings, der Kampf, welcher in unserm Vaterlande auf verschiedenen
Gebieten entbrannt ist, wird nicht eher mit einem guten Frieden enden, als bis
die Gefahren beseitigt sind, welche die alte Hofordnung der Erziehung unserer
Fürsten bereitet. Auch scheint mir in der Tat, dass diese starre Ordnung schon
an vielen Stellen durchlöchert ist, die Zeit mag kommen, wo das Unverständige
darin ein Stoff für gute Laune und Satire wird. Denn die Etikette der Höfe ist
zuletzt ein Überrest aus vergangener Zeit, wie unsere Zunftverfassung und
ähnlicher veralteter Brauch. Darin hast du Recht. Wer sich aber persönlich so
sehr reizen lässt, wie du in dieser Stunde, der setzt sich dem Argwohn aus, dass
er nur deshalb zürnt, weil er sich selbst den Zutritt zu abgeschlossenen Kreisen
begehrt.«
    Ilse sah schweigend vor sich nieder. »Dir und mir,« fuhr der Professor fort,
»geziemt bei zufälliger persönlicher Berührung mit solchen Anschauungen nur
Eines: kühle Nichtachtung. Wir wünschen zum Vorteil unserer Fürsten die
Schranken beseitigt, welche ihnen den Verkehr mit ihrem Volke einengen, aber wir
haben durchaus nicht Wunsch und Drang, uns an die Stelle derer zu setzen, auf
welche die Gebieter unseres Landes jetzt ausschließlich angewiesen sind. Denn im
Vertrauen, wir alle, deren Leben in angestrengter, geschäftlicher Tätigkeit
verläuft, wir würden in der Regel schlechte Gesellschafter der Fürsten sein, uns
fehlt nicht nur die zierliche Sicherheit der Form, die sich eher gewinnen ließe,
auch die wohltuende Gefügigkeit im Tagesverkehr, die Stärkeren werden leicht
durch Unabhängigkeit verletzen, die Schwachen durch haltlose Unterwürfigkeit
verächtlich werden. Nur die Freiheit der Wahl fordern wir für die Regierenden.
Ein Gefühl dürfen wir aber ohne Überhebung bewahren, dass Alle, die sich
gesellig von unsern Kreisen scheiden, mehr verlieren als wir. Was die Herzen
erwärmt, den Geist erhellt, muss man aus dem Volke holen. Wer sich das schwer
macht, der entbehrt.«
    Ilse trat zu ihm und legte ihre Hand in die seine.
    »Deshalb, Frau Ilse,« fuhr der Gatte heiter fort, »lass dir ruhig für diese
wenigen Wochen gefallen, was um dich vorgeht. Käme dir einmal die Aufforderung,
in Wirklichkeit Gast für die Geselligkeit eines Hofes zu werden, dann magst du
vorher über deine Ansprüche in
