 Unrecht begehen will und ermannt sich.«
    Der Professor machte das Buch zu und sah seine Frau erstaunt an. »Denn
sieh,« fuhr Ilse fort, »gerade in den größten Gestalten deines Griechen ist eine
Starrheit, die mich erschreckt. Allen fehlt etwas, um Menschen zu sein wie wir,
sie zweifeln nicht wie wir, sie ringen nicht, ob sie recht tun, ihre Größe ist,
unverrückt etwas Fürchterliches zu wollen oder den harten Nacken gegen ein
furchtbares Schicksal zu stemmen. Wir aber fordern von dem starken Menschen, dass
er zwar gewaltig tut, was er nach seinem Wesen tun muss, Gutes oder Arges, aber
unsern vollen menschlichen Anteil gewinnt er doch nur dann, wenn wir die
Sicherheit haben, dass es in seinem Innern gerade so arbeitet, wie vielleicht in
uns selbst.«
    »Wie vielleicht in uns selbst?« frug der Professor ernst und legte das Buch
weg. »Woher kommt dir diese Erkenntnis? Ilse, hast du ein Geheimnis vor deinem
Manne?«
    Ilse erhob sich und sah betroffen nach ihm hinüber.
    Doch der Professor fuhr heiter fort: »Ich will dir erst sagen, weshalb ich
frage und was ich von dir wissen möchte. Als ich dich heimführte aus Hof und
Flur, da warst du trotz deinem innigen deutschen Empfinden nach mancher
Rücksicht eine Gestalt, wie wir uns Nausikaa und Frau Penelope behaglich in
ihrer Umgebung ausmalen. Unbefangen nahmst du die Bilder der Welt in dich auf,
du standest sicher und stark in festumgrenztem Kreis von Rechten und Pflichten;
mit kindlichem Vertrauen holtest du von der Sitte deines Kreises und aus
heiligen Sprüchen die Richtschnur für Urteil und Handeln. Deine Liebe zu mir,
die Berührung mit anders geformten Seelen, der Einblick in ein neues Gebiet des
Wissens erweckten in deinem Innern leidenschaftliche Klänge, die Unsicherheit
kam und der Zweifel, neue Gedanken arbeiteten heftig gegen alte Vorstellungen,
die Forderungen deines gegenwärtigen Lebens gegen den Inhalt deiner
Mädchenjahre. Du warst durch Monate unglücklicher als ich wusste. Jetzt aber bist
du in einer Zeit, wo ich mich deiner fröhlichen Ruhe und deines Gedeihens
freute, zu einem Verständnis des Menschen vorgedrungen, das mich überrascht. Oft
habe ich in den letzten Abenden mit heimlicher Freude gesehen, wie warm deine
Teilnahme und wie mild dein Urteil die Charaktere des Dramas begriff. Ich
hatte erwartet, dass das Herbe und Ungeheure ihres Schicksals dich zuweilen
abstossen würde, und dass du behend sein würdest in Zuneigung und Abneigung, du
aber hast dein Mitgefühl den dunklen Gestalten gegönnt wie den hellen, als wenn
deine Seele selbst unter der Ahnung gezuckt hätte, dass sich im eigenen Leben
Gutes in Böses verkehren kann und Segen in Fluch, und als wenn du in dir selbst
erfahren hättest, dass der
