 attischen
Bühne. Ilse hörte Fluch und herzerschütternde Klage um sich her, sie sah ein
dunkles Verhängnis einbrechen über Menschen von höchstem Adel der Empfindung und
ehernem Willen, sie fühlte den Sturm der Leidenschaft durch gewaltige Seelen
toben und hörte zwischen dem Schrei der Rache und Verzweiflung weich die Accorde
rührenden Gefühls in unwiderstehlichem Zauber ertönen.
    Wohl war für Ilse die Zeit gekommen, wo sie Gestalt und Schicksal fremder
Menschen mit gutem Verständnis in sich aufzunehmen vermochte.
    Nicht immer liegt das Sonnenlicht auf dem Pfade des Menschen, in täuschender
Nebelnacht sucht er seine Richtung nicht mit dem Auge allein, er lauscht dann
auch auf geheime Stimmen in seiner Brust. Aus dem Kampf entgegengesetzter
Pflichten, aus dem Drange der Leidenschaft rettet den Menschen nicht zumeist der
kluge Gedanke, nicht würdiges Lehrwort, ihn befreit oder wirft in die Tiefe ein
kurzer Entschluss, der wie eine Naturnotwendigkeit aus dem Innern bricht und
doch hervorgebracht wird durch den Zwang des ganzen früheren Lebens, durch
Alles, was der Mensch weiß und glaubt, gedacht, gelitten und getan hat. Was in
der finsteren Stunde treibt zum guten Ziel oder in das Verderben, das nennen die
Leute Charakter, und wie der Wanderer den Weg sucht durch Hindernisse und
Schrecken, das nennt der Zuschauer vor der Bühne dramatische Bewegung.
    Nur wer einmal unter den gaukelnden Bildern der Nacht dahingegangen ist und
ernstaft auf die geheime Mahnung seines Innern gelauscht hat, nur der versteht
völlig, wie Andern zu Mute war, die in ähnlicher Lage den Ausweg aus beengendem
Irrsal suchten und sich Heil oder Verderben fanden.
    Auch um Ilse's Haupt waren in einzelnen Stunden flüchtige Schreckbilder
dahingefahren, auch sie hatte gebangt, ob sie auf rechtem Wege war.
    Die siebente Tragödie des Griechen war gelesen, die kühnste Darstellung
herber Leidenschaft und blutiger Rache. Ilse saß noch stumm und erschrocken über
den fürchterlichen Ausbruch des Hasses aus dem Herzen der Elektra. Da begann der
Gatte, um ihr befreiende Gedanken herbeizurufen: »Jetzt hast du Alles gehört,
was uns von Kunst und Gewalt eines wundervollen Dichtergeistes geblieben ist. Du
aber sollst mir berichten, welcher unter seinen Charakteren dich am meisten
gefesselt hat.«
    »Meinst du, wo mich die Gewalt seiner Poesie am meisten ergriffen hat, so
ist mir immer die neueste Gestalt die größte gewesen, und heut ist es das
ungeheure Bild der Elektra. Fragst du aber, welche Gestalt mir am meisten
wohlgetan hat -«
    »Die sanfte Ismene,« unterbrach lächelnd der Professor. Ilse schüttelte das
Haupt. »Nein, der mir am meisten gefällt, ist der wackere Sohn des Achill. Erst
will er dem listigen Anschlag des Genossen nachgeben und einem Unglücklichen
Gewalt antun, aber nach längerem Kampf siegt die edle Natur. Er erkennt, dass er
ein
