 die ewige Liebe und Barmherzigkeit dem Armen auch
jetzt noch verzeihen, obgleich er sich der Teufelin zum zweiten Mal ergibt? Ist
also dieser alte Dichter so frei und groß gesinnt, dass er auch noch die Rückkehr
zur Heidenfrau für verzeihlich hält? Oder ist Tanhäuser jetzt in seinen Augen
für ewig verloren und soll der grünende Stab nur anzeigen, dass der Papst die
Schuld trägt? Es würde mich freuen, darüber von Ihnen Aufklärung zu erhalten.
Das Gedicht finde ich sehr schön und ergreifend, und in den einfachen Worten,
wenn man sich erst hineingelesen hat, gewaltige Poesie. Aber ich habe Angst um
das Schicksal des Tanhäuser. Ihr N.N.«
    Der Doctor antwortete sogleich: »Es ist zuweilen schwer, aus der tiefen
Empfindung und dem knappen Ausdruck alter Gedichte die Grundidee des Dichters zu
verstehen. Am schwersten vor einem Gedichte, welches, durch Jahrhunderte vom
Volksmunde fortgetragen, zuverlässig in Wortlaut und Inhalt Aenderungen erfahren
hat. Das erste Motiv des Liedes, dass Sterbliche bei den alten Heidengöttern im
Innern der Berge weilen, beruht auf einer Anschauung, die noch aus der
Heidenzeit stammt. Die Idee, dass der Christengott milder ist als sein
Stellvertreter auf Erden, wurde seit der Hohenstaufenzeit in Deutschland
heimisch. Man darf den Ursprung des Gedichtes wohl auf diese Zeit zurückführen.
In den uns überlieferten Formen mag es etwa aus der Mitte des fünfzehnten
Jahrhunderts stammen, wo die Unzufriedenheit mit der Hierarchie in Deutschland
bei hoch und Niedrig allgemein war. Der hohe Gedanke dieser Auflehnung gegen die
Macht der Geistlichen war: nicht der Priester kann die Sünden vergeben, nur
Reue, Busse, Erhebung des eigenen Herzens. Der Druck, welchen Ihre Güte mir
übersandt hat, stammt aus der ersten Zeit Luthers, aber wir wissen, dass das Lied
älter ist, und wir besitzen verschiedene Texte, von denen einige noch stärker
hervorheben, dass Tanhäuser auch nach seinem Rückfall der göttlichen Gnade
vertrauen dürfe. Zuverlässig hielt der Sänger des übersandten Textes den armen
Tanhäuser für verloren, wenn dieser sich nicht wieder von Frau Venus freimachte.
In diesem Fall nicht. Der Volkssage nach ist Tanhäuser bei ihr geblieben. Aber
den großen Gedanken, der auch unser Leben adelt, dass der Mensch, solange Geist
und Gemüt ihm nicht ausgebrannt sind, in sich selbst die Kraft zur Erhebung
über begangenes Unrecht trage, dürfen wir auch in diesem Gedicht erkennen,
dessen poetischen Wert ich würdige wie Sie.«
    Als Laura diese Antwort erhielt - Gabriel war auch hier der vertraute Bote -
sprang sie vor Freude von ihrem Arbeitstisch hoch auf. Sie hatte mit Ilse die
Leiden Tanhäusers beklagt und der Freundin eine Abschrift des Gedichtes gegeben,
jetzt lief sie mit den Zeilen des Doctors hinunter, stolz, dass sie durch den
kindischen Scherz
