 gut. Auf seinem Zimmer lese ich weder ihm noch jemand
Anderem.«
    »Wird man die Weigerung nicht als eine Unfreundlichkeit empfinden?« wandte
der Rector ein.
    »Wohl möglich,« versetzte der Professor, »und ich gestehe Ihnen, dass mir
dies im vorliegenden Fall besonders peinlich ist. Aber keine persönliche
Rücksicht soll mich bestimmen, von einem Grundsatz abzuweichen. Ich habe früher
einmal die Erfahrung gemacht, wie demütigend es ist, einem Knaben, dem die
nötige Vorbildung, dem Verständnis und inneres Interesse fehlte, ernste
Männerarbeit zurechtzuschneiden. Ich tue es nie wieder. Dann aber handle ich im
Interesse dieser jungen Herren selbst, soviel ich als Einzelner vermag, dessen
Studien von der Heerstraße fürstlicher Bildung weitab liegen. Wollen sie von uns
etwas lernen, was für ihr Leben fruchtbar ist, so sollen sie es ordentlich
lernen, und sie sollen mit den Vorkenntnissen zu uns kommen, welche ihnen
möglich machen, von der Wissenschaft Nutzen zu ziehen. Ich habe hie und da aus
der Ferne gesehen, wie traurig es mit der innern Bildung der Mehrzahl bestellt
ist. Das flache zerstreuende Wesen ihrer Erziehung, welches ihnen fast die
Möglichkeit nimmt, an irgendeinem Gebiete geistiger Arbeit ein warmes Interesse
zu nehmen, macht sie auch später für das Leben und für ihre Regentenpflichten
wenig brauchbar. Und wir nehmen Teil an diesem Unrecht, wenn wir Jünglinge, die
in Wahrheit nicht die Kenntnisse eines Tertianers haben, mit dem Schein und
Firnis wissenschaftlicher Kultur überziehen. Denn darauf ist es doch in der
Regel abgesehen. Man braucht sicher nicht die Universität zu besuchen, um ein
tüchtiger Mann zu werden; wenn man aber diesen schwierigen Weg einschlägt - und
ich meine allerdings, jeder künftige Regent sollte das -, so darf es nur in
einer Weise geschehen, welche auch tüchtige Resultate sichert. Ich verurteile
nicht die Lehrer, welche anders denken,« schloss der Professor, »es gibt ohne
Zweifel Disciplinen, bei denen gedrängte Darstellung einiger Hauptsätze möglich
und nützlich ist. Die Altertumswissenschaft wenigstens gehört nicht dazu. Und
deshalb bitte ich zu entschuldigen, wenn ich mich dem jungen Herrn für
Privatstunden versage.«
    Der Rector zuckte die Achseln und sprach diesen Grundsätzen seine
Anerkennung aus.
    »Mein armer Erbprinz,« rief Ilse bedauernd, als der Rector sich entfernt
hatte.
    »Mein armer Kodex,« parodirte der Professor lachend.
    
    »Aber eine Ausnahme hast du doch gemacht,« wandte Ilse ein, »bei deinem
Weibe.«
    »Hier ist die Lehrstunde nur der Leitfaden, unser ganzes Leben die
Erläuterung,« versetzte der Professor. »Den künftigen Landesherrn von Bielstein
aber wirst du unter diesen Umständen wohl nur aus der Ferne als dein stilles
Eigentum betrachten können; und auch mir schwindet eine gewisse unsichere
