
Dein Suchen und Vertrauen und das meinige entspringen aus derselben Quelle, und
es ist dasselbe Licht, zu dem wir aufblicken, wenn auch auf verschiedene Weise.
Was dem Glauben früherer Geschlechter die Götter und wieder die Engel und
Erzengel waren, höhere Gewalten, welche als Boten des Höchsten das Leben der
Einzelnen umschweben, das sind in anderem Sinne für uns die großen geistigen
Einheiten der Völker und der Menschheit, Persönlichkeiten, welche dauern und
vergehen, aber nach andern Gesetzen als die einzelnen Menschen. Und dass ich
dieses Gesetz zu verstehen suche, das ist ein Teil meiner Frömmigkeit. Du
selbst wirst allmählich die bescheidene und erhebende Auffassung des Heiligen,
in welcher ich lebe, kennenlernen. Auch du wirst allmählich erfahren, dass dein
und mein Glaube im Grunde derselbe ist.«
    »Nein,« rief Ilse, »ich sehe nur Eines, eine tiefe Kluft, welche meine
Gedanken von deinen scheidet. O nimm mir die Angst, welche mich jetzt um deine
Seele peinigt.«
    »Nicht ich kann das tun, und nicht ein Tag kann das tun, nur unser Leben
selbst, tausend Eindrücke, tausend Tage, an denen du dich gewöhnst, die Welt so
anzusehen wie ich.«
    Er zog die Gattin, welche starr vor ihm stand, näher an sich und sagte
ihrleise: »Gedenke an den Spruch: im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen.
Auch er, der so gesprochen, wusste, dass Mann und Weib Eines sind durch das
stärkste Gefühl der Erde, welches Alles trägt und Alles duldet.«
    »Was kann ich dir sein, dem der Einzelne so wenig und klein ist?« frug Ilse
tonlos.
    »Das Höchste und Liebste auf Erden, die Blüte meines Volkes, ein Kind
meines Geschlechts, in dem ich ehre und liebe, was vor uns war und was uns
überleben wird,« rief der Professor.
    Ilse stand allein unter den fremden Büchern, draußen schlug der Wind an die
Mauern, er jagte die Wolken an dem Monde vorüber, bald wurde die Stube dunkel,
bald füllte sie sich mit fahlem Scheine. Und in dem wechselnden Lichte der
Dämmerung dehnten sich ihr die Wände zu einem unabsehbaren Raum, aus den Büchern
stiegen fremde Gestalten, sie hingen an den Wänden und schwebten von der Höhe,
ein Heer von grauen Schatten, die bei Tage in die geradlinigen Gehäuse der
Bücher gebannt waren, zogen gegen das Weib heran, und die Toten, die gespenstig
fortlebten auf der Erde, streckten die Arme nach ihr und forderten ihre Seele
für sich.
    Ilse richtete sich hoch auf, sie hob die Hände nach oben und rief sich die
hellen Bilder zu Hilfe, die von klein auf ihre Tage segnend umgeben hatten,
weiße Gestalten mit
