 sich und seine Zwecke kämpft, arbeitet er zugleich umgestaltend
für seine Zeit, vielleicht über seine Zeit und sein Volk hinaus, für alle
Zukunft. Auch er zahlt nur die Schuld seines Lebens, indem er die Verpflichtung
späterer Menschen größer und edler macht. Sieh, Geliebte, bei solcher Auffassung
schwindet der Tod aus der Geschichte. Das Resultat des Lebens wird wichtiger als
das Leben selbst, über dem Mann steht das Volk, über dem Volk die Menschheit,
Alles, was sich menschlich auf Erden regte, hat nicht nur für sich gelebt,
sondern auch für alle anderen, auch für uns, denn es ist ein Gewinn geworden für
unser Leben. Wie die Griechen in schöner Freiheit heraufwuchsen und vergingen
und wie ihre Gedanken und Arbeiten den späteren Menschen zu gut kamen, so wird
auch unser Leben, das in kleinem Kreise verläuft, nicht vergeblich für die
Geschlechter der Zukunft.«
    »Ach,« rief Ilse, »das ist eine Ansicht über das Erdenleben, die nur Solchen
möglich ist, welche Großes tun, und um die man sich in später Zeit immer wieder
kümmert. Mich friert dabei. Der Mensch ist hier nur wie Blume und Kraut und das
Volk wie eine Wiesenfläche, und sind sie gemäht durch die Zeit, so ist, was
übrigbleibt, nur nützliches Heu für die Spätern. Alle, die einst waren und die
jetzt sind, sie haben doch auch für sich selbst gelebt und für die, welche sie
sich mit freier Liebe suchten, für Weib und Kind und ihre Freunde, und sie waren
noch etwas Anderes als eine Ziffer unter Millionen und als ein Blatt am
ungeheuren Baume. Und wenn ihr Dasein so klein ist und so unnütz, dass euer Auge
keine Spur seines Schaffens erkennt, das Leben des armen Bettlers, meines
Kranken am Dorffenster, ihre Seelen werden doch behütet von einer Macht, welche
größer ist als dein großes Netz, das aus Menschenseelen gewebt ist.« Sie sprang
auf und starrte dem Gatten ängstlich in das Anlitz. »Beugt euren Menschenstolz
vor einer Gewalt, die ihr nicht versteht.«
    Der Gelehrte sah besorgt auf sein Weib. »Auch ich beuge mich in Demut vor
dem Gedanken, dass die große Einheit des Lebendigen auf dieser Erde nicht die
höchste Macht des Lebens ist. Nur der Unterschied ist zwischen dir und mir, dass
ich gewöhnt bin, in meinem Geist mit den hohen Gewalten der Erde zu verkehren.
Auch mir sind die Offenbarungen so ehrwürdig und heilig, dass ich dem Ewigen und
Unbegreiflichen am liebsten auf diesem Wege zu nahen suche. Du bist gewohnt, das
Unerforschliche im Bilde zu schauen, welches fromme Überlieferung in dein
Gemüt gelegt hat, und ich wiederhole die Worte, welche ich dir früher sagte:
