 von deinen Lippen höre. Und ferner, damit du glauben
kannst, wie du glaubst, war vor dreihundert Jahren in deinem Vaterlande der
grossartigste Kampf der Gedanken nötig, und wieder andertalbtausend Jahre
früher in einem kleinen Volke Asiens noch machtvolleres Ringen der Seele, und
wieder fünfzig Generationen früher ehrwürdige Gebote unter den Zelten eines
wandernden Wüstenvolkes. Das Meiste, was du hast und bist, verdankst du einer
Vergangenheit, die anfängt von dem ersten Menschenleben auf Erden. In diesem
Sinne hat das ganze Menschengeschlecht gelebt, damit du leben kannst.«
    Ilse sah mit Spannung auf den Gatten. »Der Gedanke erhebt,« rief sie, »und
er kann den Menschen stolz machen. Aber wie stimmt dazu, dass derselbe Mensch
wieder ein Nichts ist und wie ein Wurm zertreten wird in dem großen Treiben
deiner Geschichte?«
    »Wie du ein Kind deines Volkes und des Menschengeschlechtes bist, so ist es
zu jeder Zeit der Einzelne gewesen, und wie er sein Leben und fast den ganzen
Inhalt desselben dem größeren Erdengebilde verdankt, von dem er ein Teil ist,
so ist auch sein Schicksal an das größere Schicksal des Volkes, an die Geschicke
der Menschheit gefesselt. Dein Volk und dein Geschlecht haben dir Vieles
gegeben, sie verlangen dafür ebensoviel von dir. Sie haben dir den Leib behütet,
den Geist geformt, sie fordern auch deinen Leib und Geist für sich. Wie frei du
als Einzelner die Flügel regst, diesen Gläubigern bist du für den Gebrauch
deiner Freiheit verantwortlich. Ob sie als milde Herren dein Leben friedlich
gewähren lassen, ob sie es sichmit hoher Mahnung in einer Stunde fordern, deine
Pflicht ist dieselbe; indem du für dich zu leben und zu sterben meinst, lebst
und stirbst du für sie. Das einzelne Leben ist für solche Betrachtung
unermesslich klein gegen das Ganze. Uns ist der einzelne verstorbene Mensch nur
erkennbar, sofern er auf andere Menschen eingewirkt hat, nur im Zusammenhange
mit denen, die vor ihm waren und nach ihm kamen, hat er Wert. Wert hat aber in
diesem Sinne der Große und der Kleine. Denn in solcher Pflicht gegen sein Volk
arbeitet Jeder von uns, wer seine Kinder erzieht, wer den Staat regiert, wer
Wohlstand, Behagen, Bildung seines Geschlechtes mehrt. Unzählige wirken dies,
ohne dass von ihnen eine persönliche Kunde bleibt, sie sind wie Wassertropfen,
die mit andern eng verbunden als große Flut dahinrinnen, für spätere Augen
nicht erkennbar. Aber vergebens haben darum auch sie nicht gelebt. Und wie die
zahllosen Kleinen Bewahrer der Bildung und Arbeiter für Fortdauer der Volkskraft
sind, so stellt auch die höchste Kraft des Einzelnen, der größte Held, der
edelste Reformator durch sein Leben nur einen kleinen Teil der Volkskraft dar.
Während er für
