 wenn sie in die Lage kämen. Ich kann mir's recht gut
denken, dass ich selbst so ein Ungetüm sein würde, und mancher Bekannte auch.«
    »Etwa mein Mann?« frug Ilse.
    »Der ist mehr Cyrus oder Kambyses,« versetzte Laura.
    Ilse lachte. »Das ist nicht wahr. Aber wie wäre es mit dem Doctor drüben?«
    Laura hob strafend die Hand gegen das Nachbarhaus. »Der wäre Xerxes, gerade
wie er im Buche steht. Wenn Sie sich den Doctor denken ohne Brille, in einem
goldenen Schlafrock, mit einem Szepter in der Hand, ohne sein gutes Herz, was
Fritz Hahn allerdings hat, und etwas weniger gescheidt als er ist, und noch mehr
verzogen als er ist, und als einen Menschen, der kein Buch geschrieben hat, und
nichts gelernt hat als Andere schlecht behandeln, so ist er ganz Xerxes. Ich
sehe ihn vor mir auf dem Throne sitzen hier am Bach und mit seiner Peitsche in
das Wasser schlagen, weil es ihm die Stiefeln nass macht. Der hätte wohl
gefährlich werden können, wenn er nicht hier am Stadtpark geboren wäre.«
    »Das meine ich auch,« versetzte Ilse.
    Aber am Abend in der Lehrstunde sprach Ilse zum Gatten: »Als Leonidas mit
seinen Helden starb, rettete er seine Landsleute vor der Herrschaft fremder
Barbaren, aber nach ihm endeten viele Tausende des schönen Volkes im innern
Kampf der Städte, und in solchem Streite verdarb das Volk, und nicht lange
währte es, da kamen andere Fremde und nahmen ihren Enkeln doch die Freiheit.
Wozu sind die vielen Tausende gestorben, was half der Hass und die Begeisterung
und der Parteieifer, Alles war eitel und Alles ein Zeichen des Untergangs. Der
Mensch ist hier wie ein Sandkorn, das in den Boden getreten wird, ich stehe vor
einem schrecklichen Rätsel und mir wird bange auf der Erde.«
    »Ich will versuchen, dir eine Lösung zu geben,« versetzte der Gatte ernst,
»aber die Worte, welche ich dir heut sagen darf, sind wie die Schlüssel zu den
Gemächern des bösen Blaubart. Oeffne nicht zu hastig jedes Zimmer, denn in
einigen ist zu schauen, was dir jetzt vorzeitig neue Unsicherheit aufregt.«
    »Ich bin dein Weib,« rief Ilse, »und hast du eine Antwort für die Fragen,
welche mich peinigen, so fordere ich sie.«
    »Es ist auch dir kein Geheimnis, was ich dir antworte,« sprach der
Professor. »Du bist nicht nur, wofür du dich hältst, ein Mensch, geschaffen zu
Leid und Freude, durch Natur, Liebe, Glauben mit Einzelnen verbunden, du bist
zugleich mit Leib und Seele einer irdischen
