 Wurm kroch über das junge Grün. Unter
dem hellen Schein einer höheren Sonne begann der Kampf des Lebens, das Blühen
und Welken, die bunten Farben und der Spätfrost, in dem sie erblichen, das
lustige Laub und der Käfer, der daran nagte. Der uralte Streit erhob sich um
Knospen und Blüten wie im Herzen des Menschen.
    In Ilse's Lehrstunden wurde jetzt Herodot gelesen. Auch er ein Frühlingsbote
des Menschengeschlechts an der Grenze zwischen träumender Poesie und heller
Wirklichkeit, der frohe Verkünder einer Zeit, in welcher das Volk der Erde sich
der eigenen Schönheit freute und die Wahrheit mit Ernst zu suchen begann. Wieder
las Ilse in leidenschaftlicher Spannung die Seiten, welche ihr eine verschüttete
Welt so lebendig und herzlich vor Augen stellten. Aber es war nicht mehr die
ungetrübte erhebende Freude an dem Erzählten, wie bei dem Werk des großen
Dichters, der Schicksal und Taten seiner Helden so lenkte, dass sie dem Gemüt
auch da wohltaten, wo sie Leid und Schrecken erregten. Denn das ist ein Recht
der menschlichen Erfindung, die Welt zu gestalten, wie das weiche Herz des
Menschen sie ersehnt: Wechsel und billiges Verhältnis in Glück und Leid, jedem
Einzelnen nach seiner Kraft und seinem Tun Anerkennung und klug zugemessene
Vergeltung. Der Geist aber, welcher hier das geschwundene Leben regierte,
waltete übermenschlich; die Fülle des Lebendigen drängte sich, eines verwüstete
das andere, erbarmungslos brach die Zerstörung ein, sie traf die Guten wie die
Bösen, es war auch eine Vergeltung, es war auch ein Fluch, aber sie schlugen
unbegreiflich, grausam, herzzerm almend. Das Gute blieb nicht gut, und das Böse
behielt den Sieg. Was erst zum Segen war, wurde später zum Verderben, was heut
wohltätig Größe und Herrschaft gab, das wurde morgen eine Krankheit, welche den
Staat zerstörte. Wenig galt jetzt der einzelne Held; wo sich eine große
Menschenkraft für Augenblicke herrschend erhob, sah Ilse gleich darauf, wie sie
dahinschwand in dem wirbelnden Strom der Ereignisse. Krösus, der übersichere
gutherzige König, fiel, der starke Cyrus verging, und Xerxes wurde geschlagen.
Aber auch die Völker versanken, die große Wunderblume Egypten verdorrte, das
goldene Reich der Lyder zerbrach, die mächtigen Perser verdarben zuerst Andere,
dann sich selbst. Und in dem jungen Hellenenvolk, das sich so heldenkräftig
erhob, sah sie bereits den Zorn, die Missetat und die feindlichen Gegensätze
geschäftig, durch welche das schönste Gebilde des Altertums nach kurzem
Gedeihen vergehen sollte.
    Ilse und Laura saßen einander gegenüber, zwischen ihnen lag das
aufgeschlagene Buch. Zwar wurde Laura nicht bei dem geheimen Vortrag des
Professors zugelassen, aber ihre Seele flog getreulich auf der Wildbahn
nebenher. Ilse teilte ihr von dem Erwerb ihrer Stunden mit und genoss
